8.6.13
7.6.13
JOHANN WOLFGANG VON GOETHE: NEUE LIEBE, NEUES LEBEN
JOHANN
WOLFGANG VON GOETHE (1749 -
1832)
NEUE LIEBE,
NEUES LEBEN
Herz, mein Herz, was soll das geben?
Was bedränget dich so sehr?
Welch ein fremdes , neues Leben!
Ich erkenn dich nicht mehr.
Weg ist alles was du liebtest,
Weg, warum du dich betrübtest,
Weg dein Fleiß und deine Ruh -
Ach, wie kamst du nur dazu!
Fesselt dich die Jugendblüte,
Diese liebliche Gestalt,
Dieser Blick voll Treu und Güte
Mit unendlicher Gewalt?
Will ich rasch mich ihr entziehen,
Mich ermannen, ihr entfliehen,
Führet mich im Augenblick,
Ach, mein Weg zu ihr zurück.
Und an diesem Zauberfädchen,
Das sich nicht zerreißen läßt,
Hält das liebe lose Mädchen
Mich so wider Willen fest;
Muß in ihrem Zauberkreise
Leben nun auf ihre Weise.
Die Veränderung, ach, wie groß!
Liebe! Liebe! Laß mich los!
29.5.13
GEORG TRAKL: DIE SONNE
GEORG TRAKL
DIE SONNE
Täglich
kommt die gelbe Sonne uber den Hügel.
Schön ist der Wald, das dunkle Tier,
Der Mensch; Jäger oder Hirt.
Rötlich steigt im grünen Weiher der Fisch.
Unter dem runden Himmel
Fährt der Fischer leise im blauen Kahn.
Langsam reift die Traube, das Korn.
Wenn sich stille der Tag neigt,
Ist ein Gutes und Böses bereitet.
Wenn es Nacht wird,
Hebt der Wanderer leise die schweren Lider;
Sonne aus finsterer Schlucht bricht.
Schön ist der Wald, das dunkle Tier,
Der Mensch; Jäger oder Hirt.
Rötlich steigt im grünen Weiher der Fisch.
Unter dem runden Himmel
Fährt der Fischer leise im blauen Kahn.
Langsam reift die Traube, das Korn.
Wenn sich stille der Tag neigt,
Ist ein Gutes und Böses bereitet.
Wenn es Nacht wird,
Hebt der Wanderer leise die schweren Lider;
Sonne aus finsterer Schlucht bricht.
28.5.13
26.4.13
ALFRED LICHTENSTEIN: CAPRICCIO
ALFRED LICHTENSTEIN
CAPRICCIO
So will ich sterben:
Dunkel ist es. Und es hat geregnet.
Doch du spürst nicht mehr den Druck der Wolken,
Die da hinten noch den Himmel hüllen
In sanften Sammet.
Alle Straßen fließen, schwarze Spiegel,
An den Häuserhaufen, wo Laternen,
Perlenschnüre, leuchtend hängen.
Und hoch oben fliegen tausend Sterne,
Silberne Insekten, um den Mond –
Ich bin inmitten. Irgendwo. Und blicke
Versunken und sehr ernsthaft, etwas blöde,
Doch ziemlich überlegen auf die raffinierten,
Himmelblauen Beine einer Dame,
Während mich ein Auto so zerschneidet
Daß mein Kopf wie eine rote Murmel
Ihr zu Fügen rollt...
Dunkel ist es. Und es hat geregnet.
Doch du spürst nicht mehr den Druck der Wolken,
Die da hinten noch den Himmel hüllen
In sanften Sammet.
Alle Straßen fließen, schwarze Spiegel,
An den Häuserhaufen, wo Laternen,
Perlenschnüre, leuchtend hängen.
Und hoch oben fliegen tausend Sterne,
Silberne Insekten, um den Mond –
Ich bin inmitten. Irgendwo. Und blicke
Versunken und sehr ernsthaft, etwas blöde,
Doch ziemlich überlegen auf die raffinierten,
Himmelblauen Beine einer Dame,
Während mich ein Auto so zerschneidet
Daß mein Kopf wie eine rote Murmel
Ihr zu Fügen rollt...
Sie ist erstaunt. Und schimpft dezent. Und stößt ihn
Hochmütig mit dem zierlich hohen Absatz
Ihres Schuhchens
In den Rinnstein –
Hochmütig mit dem zierlich hohen Absatz
Ihres Schuhchens
In den Rinnstein –
Ετικέτες
CAPRICCIO,
LICHTENSTEIN (ALFRED)
29.3.13
PETER ALTENBERG: EIN LIEBESGEDICHT
PETER ALTENBERG (1859-1919)
EIN LIEBESGEDICHT
Rosig will
ich, muss ich dein geliebtes Antlitz sehen – – –
Und wenn ich es mit meinem Herzblut rosig färben müsste!
Rosig muss ich dein geliebtes Antlitz sehen,
Rosig und mit dem süssen kindlichen Ausdruck des Wohlergehens!
Aber bleich bist du mir nun geworden seit Tagen,
Und unendliche Müdigkeit dämmert in deinen sonst lichten Augen!
Geliebtestes Geschöpf dieser Erde, was ist dir?!?
Mir bangt so schrecklich – – –.
Willst du den Prinzen in deinen Armen haben?!?
Willst du den romantischen Gymnasiasten?!?
Willst du den Kellner, der dir servirt?!?
Willst du den Fremden, der auf der Strasse gebannt verweilt?!?
Willst du den Bäckerjungen, der morgens Brot bringt?!?
Bleich bist du mir nun geworden, seit Tagen,
Geliebtestes Geschöpf dieser Erde – – –
Bleich bist du mir geworden und kränklich!
Brauchst du Räusche?!?
Ich, ich kann sie dir nicht mehr geben – – – –
Denn der tückische Mörder »Gewohnheit« schlich sich hinterrücks in deine zarte Seele ein –.
Geliebteste,
Rosig will ich, muss ich dein geliebtes Antlitz sehen – – –
Und wenn ich es mit meinem Herzblut rosig färben müsste!!
Und wenn ich es mit meinem Herzblut rosig färben müsste!
Rosig muss ich dein geliebtes Antlitz sehen,
Rosig und mit dem süssen kindlichen Ausdruck des Wohlergehens!
Aber bleich bist du mir nun geworden seit Tagen,
Und unendliche Müdigkeit dämmert in deinen sonst lichten Augen!
Geliebtestes Geschöpf dieser Erde, was ist dir?!?
Mir bangt so schrecklich – – –.
Willst du den Prinzen in deinen Armen haben?!?
Willst du den romantischen Gymnasiasten?!?
Willst du den Kellner, der dir servirt?!?
Willst du den Fremden, der auf der Strasse gebannt verweilt?!?
Willst du den Bäckerjungen, der morgens Brot bringt?!?
Bleich bist du mir nun geworden, seit Tagen,
Geliebtestes Geschöpf dieser Erde – – –
Bleich bist du mir geworden und kränklich!
Brauchst du Räusche?!?
Ich, ich kann sie dir nicht mehr geben – – – –
Denn der tückische Mörder »Gewohnheit« schlich sich hinterrücks in deine zarte Seele ein –.
Geliebteste,
Rosig will ich, muss ich dein geliebtes Antlitz sehen – – –
Und wenn ich es mit meinem Herzblut rosig färben müsste!!
Ετικέτες
ALTENBERG (PETER),
EIN LIEBESGEDICHT
4.1.13
BERTOLT BRECHT: LIED VON DER BELEBENDEN WIRKUNG DES GELDES
BERTOLT BRECHT
LIED VON
DER BELEBENDEN WIRKUNG DES GELDES
Niedrig gilt das Geld auf dieser Erden
Und doch ist sie, wenn es mangelt, kalt.
Und sie kann sehr gastlich werden
Plötzlich durch des Gelds Gewalt.
Eben war noch alles voll Beschwerden
Jetzt ist alles golden überhaucht
Was gefroren hat, das sonnt sich
Jeder hat das, was er braucht.
Rosig färbt der Horizont sich
Blicket hinan: der Schornstein raucht!
Ja da schaut alles gleich ganz anders an.
Voller schlägt das Herz. Der Blick wird weiter.
Reichlich ist das Mahl. Flott sind die Kleider.
Und der Mann ist jetzt ein andrer Mann.
Ach, sie gehen alle in die Irre
Die da glauben, daß am Geld nichts liegt.
Aus der Fruchtbarkeit wird Dürre
Wenn der gute Strom versiegt.
Jeder schreit nach was und nimmt es, wo er's kriegt
Eben war noch alles nicht so schwer
Wer nicht grade Hunger hat, verträgt sich
Jetzt ist alles herz- und liebeleer.
Vater, Mutter, Brüder: alles schlägt sich!
Sehet, der Schornstein, er raucht nicht mehr!
Überall dicke Luft, die uns gar nicht gefällt.
Alles voller Haß und voller Neider.
Keiner will mehr Pferd sein, jeder Reiter.
Und die Welt ist eine kalte Welt.
So ist's auch mit allem Guten und Großen.
Es verkümmert rasch in dieser Welt
Denn mit leerem Magen und mit bloßen
Füßen ist man nicht auf Größe eingestellt.
Man will nicht das Gute, sondern Geld
Und man ist vom Kleinmut angehaucht.
Aber wenn der Gute etwas Geld hat
Hat er doch, was er zum Gutsein braucht.
Wer sich schon auf Untat eingestellt hat
Blicke hinan: der Schornstein raucht!
Ja, da glaubt man wieder an das menschliche Geschlecht.
Edel sei der Mensch, gut und so weiter.
Die Gesinnung wächst. Sie war geschwächt.
Fester wird das Herz. Der Blick wird breiter.
Man erkennt, was Pferd ist und was Reiter.
Und so wird das Recht erst wieder Recht.
27.12.12
THEODOR FONTANE: SO UND NICHT ANDERS
THEODOR FONTANE
SO UND NICHT ANDERS
Die Menschen kümmerten mich nicht viel,
Eigen war mein Weg und Ziel.
Eigen war mein Weg und Ziel.
Ich mied den Markt, ich mied den Schwarm,
Andre sind reich, ich bin arm.
Andre sind reich, ich bin arm.
Andre regieren (regieren noch),
Ich stand unten und ging durchs Joch.
Ich stand unten und ging durchs Joch.
Entsagen und lächeln bei Demütigungen,
Das ist die Kunst, die mir gelungen.
Das ist die Kunst, die mir gelungen.
Und doch, wär`s in die Wahl mir gegeben,
Ich führte noch einmal dasselbe Leben.
Ich führte noch einmal dasselbe Leben.
Und sollt` ich noch einmal die Tage beginnen,
Ich würde denselben Faden spinnen.
Ich würde denselben Faden spinnen.
Ετικέτες
FONTANE (THEODOR),
SO UND NICHT ANDERS
ERNST STADLER: IN DIESEN NÄCHTEN
ERNST STADLER (1883-1914)
IN DIESEN NÄCHTEN
In diesen Nächten friert mein Blut nach deinem Leib, Geliebte.
O, meine Sehnsucht ist wie dunkles Wasser aufgestaut vor Schleußentoren,
In Mittagsstille hingelagert, reglos lauernd,
Begierig, auszubrechen. Sommersturm,
Der schwer im Hinterhalt geladner Wolken hält. Wann kommst du, Blitz,
Der ihn entfacht, mit Lust befrachtet, Fähre,
Die weit der Wehre starre Schenkel von sich sperrt? Ich will
Dich zu mir in die Kissen tragen so wie Garben jungen Klees
In aufgelockert Land. Ich bin der Gärtner,
Der weich dich niederbettet. Wolke, die
Dich übersprengt, und Luft, die dich umschließt.
In deine Erde will ich meine irre Glut vergraben und
Sehnsüchtig blühend über deinem Leibe auferstehn.
Ετικέτες
IN DIESEN NÄCHTEN,
STADLER (ERNST)
8.12.12
JAKOB VAN HODDIS: AM LIETZENSEE
JAKOB VAN HODDIS
AM LIETZENSEE
Meinem Freunde Georg Heym
Die rote Sandsteinbrücke packt
Staubig die andere Seite vom schwärzlichen Tümpel.
Laternen. Das verirrte Mondlicht zackt
Über Sträucher und Wellen und träges Gerümpel.
Doch zu uns tönt der Abendschrei der Stadt.
Ich spüre noch die Lust der vielen Straßen
Und Trommelwirbel um Fortunas Rad.
Doch du stehst vor mir schläfrig und verblasen.
Feindselig reichst du mir die plumpe Hand,
Von neuem Zorn die starke Stirn betört.
Und als ich längst schon meinen Weg gerannt,
Hat alle Schritte noch dein Traum gestört.
Ετικέτες
AM LIETZENSEE,
VAN HODDIS (JAKOB)
27.11.12
ERNST STADLER: REINIGUNG
ERNST STADLER (1883-1914)
REINIGUNG
Lösche alle deine Tag' und Nächte aus!
Räume alle fremden Bilder fort aus deinem Haus!
Laß Regendunkel über deine Schollen niedergehn!
Lausche: dein Blut will klingend in dir auferstehn! -
Fühlst du: schon schwemmt die starke Flut dich neu und rein,
Schon bist du selig in dir selbst allein
Und wie mit Auferstehungslicht umhangen -
Hörst du: schon ist die Erde um dich leer und weit
Und deine Seele atemlose Trunkenheit,
Die Morgenstimme deines Gottes zu umfangen.
Ετικέτες
REINIGUNG,
STADLER (ERNST)
18.11.12
NOVALIS: AN MEIN SCHWERT
NOVALIS
AN MEIN SCHWERT
Ich wuchs, da gab mein Vater mir
Ein Schwert von hartem Stahl,
Nun weihe ich ein Liedchen dir
O eines Jünglings schönste Zier
Nun mein zum erstenmal.
Sei stets des Hülfbedürftgen Schutz
Geführt vom starken Arm
Und biete jedem Feinde Trutz
Sei meinen Freunden stets zu Nutz,
Zerstreu der Räuber Schwarm.
Doch diene den Tyrannen nicht
Und blink fürs Vaterland
Und hau den, der für Sklaven ficht,
(Gewiß er ist ein schlechter Wicht),
Geführt von meiner Hand.
Ein Schwert von hartem Stahl,
Nun weihe ich ein Liedchen dir
O eines Jünglings schönste Zier
Nun mein zum erstenmal.
Sei stets des Hülfbedürftgen Schutz
Geführt vom starken Arm
Und biete jedem Feinde Trutz
Sei meinen Freunden stets zu Nutz,
Zerstreu der Räuber Schwarm.
Doch diene den Tyrannen nicht
Und blink fürs Vaterland
Und hau den, der für Sklaven ficht,
(Gewiß er ist ein schlechter Wicht),
Geführt von meiner Hand.
28.8.12
BERTOLT BRECHT: UND WAS BEKAM DES SOLDATEN WEIB
BERTOLT
BRECHT
UND WAS
BEKAM DES SOLDATEN WEIB
Und was
bekam des Soldaten Weib
Aus der alten Hauptstadt Prag?
Aus Prag bekam sie die Stöckelschuh.
Einen Gruß und dazu die Stöckelschuh
Das bekam sie aus der Stadt Prag.
Und was bekam des Soldaten Weib
Aus Warschau am Weichselstrand?
Aus Warschau bekam sie das leinene Hemd
So bunt und so fremd, ein polnisches Hemd!
Das bekam sie vom Weichselstrand.
Und was bekam des Soldaten Weib
Aus Oslo über dem Sund?
Aus Oslo bekam sie das Kräglein aus Pelz.
Hoffentlich gefällt‘s, das Kräglein aus Pelz!
Das bekam sie aus Oslo am Sund.
Und was bekam des Soldaten Weib
Aus dem reichen Rotterdam?
Aus Rotterdam bekam sie den Hut.
Und er steht ihr gut, der holländische Hut.
Den bekam sie aus Rotterdam.
Und was bekam des Soldaten Weib
Aus Brüssel im belgischen Land?
Aus Brüssel bekam sie die seltenen Spitzen.
Ach, das zu besitzen, so seltene Spitzen!
Sie bekam sie aus belgischem Land.
Und was bekam des Soldaten Weib
Aus der alten Hauptstadt Prag?
Aus Prag bekam sie die Stöckelschuh.
Einen Gruß und dazu die Stöckelschuh
Das bekam sie aus der Stadt Prag.
Und was bekam des Soldaten Weib
Aus Warschau am Weichselstrand?
Aus Warschau bekam sie das leinene Hemd
So bunt und so fremd, ein polnisches Hemd!
Das bekam sie vom Weichselstrand.
Und was bekam des Soldaten Weib
Aus Oslo über dem Sund?
Aus Oslo bekam sie das Kräglein aus Pelz.
Hoffentlich gefällt‘s, das Kräglein aus Pelz!
Das bekam sie aus Oslo am Sund.
Und was bekam des Soldaten Weib
Aus dem reichen Rotterdam?
Aus Rotterdam bekam sie den Hut.
Und er steht ihr gut, der holländische Hut.
Den bekam sie aus Rotterdam.
Und was bekam des Soldaten Weib
Aus Brüssel im belgischen Land?
Aus Brüssel bekam sie die seltenen Spitzen.
Ach, das zu besitzen, so seltene Spitzen!
Sie bekam sie aus belgischem Land.
Und was bekam des Soldaten Weib
Aus der
Lichterstadt Paris?
Aus Paris bekam sie das seidene Kleid.
Zu der Nachbarin Neid das seidene Kleid
Das bekam sie aus Paris.
Und was bekam des Soldaten Weib
Aus dem libyschen Tripolis?
Aus Tripolis bekam sie das Kettchen.
Das Amulettchen am kupfernen Kettchen
Das bekam sie aus Tripolis.
Und was bekam des Soldaten Weib
Aus Paris bekam sie das seidene Kleid.
Zu der Nachbarin Neid das seidene Kleid
Das bekam sie aus Paris.
Und was bekam des Soldaten Weib
Aus dem libyschen Tripolis?
Aus Tripolis bekam sie das Kettchen.
Das Amulettchen am kupfernen Kettchen
Das bekam sie aus Tripolis.
Und was bekam des Soldaten Weib
Aus dem
weiten Russenland?
Aus Rußland bekam sie den Witwenschleier.
Zu der Totenfeier den Witwenschleier
Das bekam sie aus Rußland.
Aus Rußland bekam sie den Witwenschleier.
Zu der Totenfeier den Witwenschleier
Das bekam sie aus Rußland.
6.8.12
WOLFGANG WEYRAUCH: ROSA, DIE FRANKFURTERIN
WOLFGANG WEYRAUCH
ROSA, DIE FRANKFURTERIN
Beckmann, Maler, nahm sie in das Bild,
Synagoge, Litfaß-Säule, Platz
malen ist nicht schreiben. Fehlt der Satz
von der Rosa, die das Bild verhüllt.
Synagoge, Litfaß-Säule, Platz
malen ist nicht schreiben. Fehlt der Satz
von der Rosa, die das Bild verhüllt.
Rosa war ein Mädchen, wie Ihr es seit,
Bürgerin aus Frankfurt an dem Main,
hatte alles, Busen, Schoß und Bein,
aber eines nicht: Gerechtigkeit.
Bürgerin aus Frankfurt an dem Main,
hatte alles, Busen, Schoß und Bein,
aber eines nicht: Gerechtigkeit.
Hatte wieder mehr als andere, Stern,
mit dem Zacken, gelb, ein Todespaß,
doch sie biß nicht in das gelbe Gras,
hatte doch das grüne Gras zu gern.
mit dem Zacken, gelb, ein Todespaß,
doch sie biß nicht in das gelbe Gras,
hatte doch das grüne Gras zu gern.
Sprang, zu Freunden, in das grüne Dach,
bis der Bomben Brand vom Himmel sprang;
wenn das Pack vom Judenmesser sang,
Rosa lag im Kohlenkasten wach.
bis der Bomben Brand vom Himmel sprang;
wenn das Pack vom Judenmesser sang,
Rosa lag im Kohlenkasten wach.
Als der Krieg schon fast zuende war,
trieb der Hunger Rosa hoch. Und aus
wars mit ihr, und aus mit Mann und Maus,
Haut und Haar der ganzen Mörderschar.
trieb der Hunger Rosa hoch. Und aus
wars mit ihr, und aus mit Mann und Maus,
Haut und Haar der ganzen Mörderschar.
Sind es alle? fragt der Schreiber sich,
wenn er mitten durch die Straßen streicht,
Rosas Mörder ist mein Wirt vielleicht,
und jetzt haßt er meinen Satz und mich.
wenn er mitten durch die Straßen streicht,
Rosas Mörder ist mein Wirt vielleicht,
und jetzt haßt er meinen Satz und mich.
Beckmann, Max, wir danken Dir Dein Bild,
Synagoge, Säule, Lampe, Draht,
gib uns einen guten Rat und gute Tat,
denn Du malest alles unverhüllt.
Synagoge, Säule, Lampe, Draht,
gib uns einen guten Rat und gute Tat,
denn Du malest alles unverhüllt.
Seht, die Mauern, Fenster schief und krumm
seht das alte Bild: es irrt sich nicht,
unterm gelben Neonröhrenlicht
wird gefragt, die Frage läuft herum.
seht das alte Bild: es irrt sich nicht,
unterm gelben Neonröhrenlicht
wird gefragt, die Frage läuft herum.
Schornstein, Zaun sind krumm und schief, und nur
Mond und Katze sind im Gleichgewicht.
Mensch, aus Faß und Brett mach Dein Gericht.
Stell Dich drauf. Du witterst Deine Spur.
Mond und Katze sind im Gleichgewicht.
Mensch, aus Faß und Brett mach Dein Gericht.
Stell Dich drauf. Du witterst Deine Spur.
Ετικέτες
ROSA DIE FRANKFURTERIN,
WEYRAUCH (WOLFGANG)
29.7.12
ALFRED LICHTENSTEIN: DIE NACHT
ALFRED LICHTENSTEIN
DIE NACHT
Verträumte
Polizisten watscheln bei Laternen.
Zerbrochne
Bettler meckern, wenn sie Leute ahnen.
An manchen
Ecken stottern starke Straßenbahnen,
Und sanfte
Autodroschken fallen zu den Sternen.
Um harte
Häuser humpeln Huren hin und wieder,
Die
melancholisch ihren reifen Hintern schwingen.
Viel Himmel
liegt zertrümmert auf den herben Dingen...
Wehleid'ge
Kater schreien schmerzhaft helle Lieder.
Ετικέτες
DIE NACHT,
LICHTENSTEIN (ALFRED)
28.7.12
BERTOLT BRECHT: LIED EINES FREUDENMÄDCHENS
BERTOLT
BRECHT
LIED EINES
FREUDENMÄDCHENS
Meine
Herren, mit siebzehn Jahren
Kam Ich auf den Liebesmarkt
Und Ich habe viel erfahren
Böses gab es viel
Doch das war das Spiel
Aber manches hab ich doch verargt.
(Schlieβlich bin ich ja auch ein Mensch.)
Gott sei Dank geht alles schnell vorüber
Auch die Liebe und der Kummer sogar.
Wo sind die Tränen von gestern Abend?
Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?
Freilich geht man mit den Jahren
Leichter auf den Liebesmarkt
Und umarmt sie dort in Scharen.
Aber das Gefühl
Bleibt erstaundlich kühl
Wenn man damit allzuwenig kargt.
(Schlieβlich geht ja jede Vorrat zu Ende.)
Gott sei Dank geht alles schnell vorüber
Auch die Liebe und der Kummer sogar.
Wo sind die Tränen von gestern Abend?
Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?
Und auch wenn man gut das Handeln
Lernte auf der Liebesmess’:
Lust in Kleingeld zu verwandeln
Ist doch niemals leicht.
Nun, es wird erreicht.
Doch man wird auch alter unterdes.
(Schlieβlich bleibt man ja nicht immer siebzehn.)
Gott sei Dank geht alles schnell vorüber
Auch die Liebe und der Kummer sogar.
Wo sind die Tränen von gestern Abend?
Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?
Wo sind die Tränen von gestern Abend?
Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?
Kam Ich auf den Liebesmarkt
Und Ich habe viel erfahren
Böses gab es viel
Doch das war das Spiel
Aber manches hab ich doch verargt.
(Schlieβlich bin ich ja auch ein Mensch.)
Gott sei Dank geht alles schnell vorüber
Auch die Liebe und der Kummer sogar.
Wo sind die Tränen von gestern Abend?
Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?
Freilich geht man mit den Jahren
Leichter auf den Liebesmarkt
Und umarmt sie dort in Scharen.
Aber das Gefühl
Bleibt erstaundlich kühl
Wenn man damit allzuwenig kargt.
(Schlieβlich geht ja jede Vorrat zu Ende.)
Gott sei Dank geht alles schnell vorüber
Auch die Liebe und der Kummer sogar.
Wo sind die Tränen von gestern Abend?
Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?
Und auch wenn man gut das Handeln
Lernte auf der Liebesmess’:
Lust in Kleingeld zu verwandeln
Ist doch niemals leicht.
Nun, es wird erreicht.
Doch man wird auch alter unterdes.
(Schlieβlich bleibt man ja nicht immer siebzehn.)
Gott sei Dank geht alles schnell vorüber
Auch die Liebe und der Kummer sogar.
Wo sind die Tränen von gestern Abend?
Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?
Wo sind die Tränen von gestern Abend?
Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?
Ετικέτες
BRECHT (BERTOLT),
LIED EINES FREUDENMÄDCHENS
27.7.12
EDUARD MÖRIKE: UM MITTERNACHT
UM MITTERNACHT
Gelassen stieg die Nacht an Land,
lehnt träumend an der Berge Wand;
ihr Auge sieht die goldne Waage nun
der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn.
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
vom Tage,
vom heute gewesenen Tage!
lehnt träumend an der Berge Wand;
ihr Auge sieht die goldne Waage nun
der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn.
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
vom Tage,
vom heute gewesenen Tage!
Das uralt
alte Schlummerlied,
sie achtet's nicht, sie ist es müd;
ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
der flücht'gen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
es singen die Wasser im Schlafe noch fort
vom Tage,
vom heute gewesenen Tage!
sie achtet's nicht, sie ist es müd;
ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
der flücht'gen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
es singen die Wasser im Schlafe noch fort
vom Tage,
vom heute gewesenen Tage!
Ετικέτες
MÖRIKE (EDUARD),
UM MITTERNACHT
9.7.12
HERMANN CONRADI: WAS FRAG’ ICH NACH ZEIT UND STUNDE
HERMANN CONRADI (1862-1890)
WAS FRAG’ ICH NACH ZEIT UND STUNDE
Was frag' ich nach Zeit und Stunde,
Wenn an deiner Brust ich lieg' -
Wenn ich küsse von deinem Munde
Der Liebe süßseligen Sieg!
Wenn ich küsse die weißen Brüste,
Den knospenden, schwellenden Leib -
Was frag' ich nach Zeit und Stunde,
Bei solch holdem Zeitvertreib!...
Wenn an deiner Brust ich lieg' -
Wenn ich küsse von deinem Munde
Der Liebe süßseligen Sieg!
Wenn ich küsse die weißen Brüste,
Den knospenden, schwellenden Leib -
Was frag' ich nach Zeit und Stunde,
Bei solch holdem Zeitvertreib!...
Was frag' ich nach Zeit und Stunde,
Rast' ich auf Linnen, schneeweiß,
Bei dir und trink' dir vom Munde
Der Liebe süßseligen Preis!
Da füllt mich ein großes Genügen,
Mein wildes Begehren versinkt ...
Was frag' ich nach Zeit und Stunde,
Wenn die Welt wie verschollen mich dünkt!...
Rast' ich auf Linnen, schneeweiß,
Bei dir und trink' dir vom Munde
Der Liebe süßseligen Preis!
Da füllt mich ein großes Genügen,
Mein wildes Begehren versinkt ...
Was frag' ich nach Zeit und Stunde,
Wenn die Welt wie verschollen mich dünkt!...
9.6.12
HERMANN CONRADI: DAS ENDE VOM LIEDE
HERMAN
CONRADI (1862-1890)
DAS ENDE
VOM LIEDE
Vergessen können ja!
Das ist die Kunst,
Von allen Künsten dieser Welt die erste
Von allen Künsten dieser Welt die schwerste,
Und bist du ihrer Herr, ist alles Dunst.
Ist alles Wurst, was jemals du gewesen,
Was du geliebt, gehaßt, getan, gefehlt, gewollt,
Ob sich dein Leben prunkvoll aufgerollt,
Ob du für andre warst bequemer Besen.
Ob Sklave oder Herr
dann ist's egal,
Vergessen können und
nicht dran ersticken,
Hinunterschlucken, lachen, weiterkrücken,
Ins Leben weiter noch ein dutzendmal.
Dann tut's ja nichts!
Nun gut! Ich will's probieren,
Den letzten Lorbeerkranz will ich entblättern,
Das letzte Amulett will ich zerschmettern,
Wie man vergißt, will ich genau studieren.
Und eines Tages dann
ist mir's geglückt,
Ich atme auf in grenzenloser Leere
Und breche in die Knie und bete: Kehre,
O kehre wieder, die du mich entzückt:
Geliebte Sünde, die ich froh beging
Geliebte Reue, die ich kühn genossen.
Gemach, mein Freund! Dein Schicksal ist beschlossen
Und um dich schürzt sich des Vergessens Ring.
Ετικέτες
CONRADI (HERMANN),
DAS ENDE VOM LIEDE
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