15.1.18

ROSE AUSLÄNDER: DER KAHN




ROSE AUSLÄNDER


DER KAHN

Deiner Ankunft gewärtig
mein Kahn
kennt deinen Schatten

Wo das Wasser sich spaltet
im Kahn geborgen
überlaß dich den Rudern
sie wissen den Weg

Ich ziehe die Sonnenuhr auf
sie liegt schon im Kahn
zeigerbereit

14.1.18

CHRISTINE LAVANT: WIE PÜNKTLICH DIE VERZWEIFLUNG IST


CHRISTINE LAVANT


WIE PÜNKTLICH DIE VERZWEIFLUNG IST

Wie pünktlich die Verzweiflung ist!
Zur selben Stunde Tag für Tag
erscheint sie ohne jede List
und züchtigt mich mit einem Schlag.

Dann stieben Funken um mich her,
mein Herz ruft alle Engel an,
der Himmel aber ist ein Meer
und Jesu treibt in einem Kahn
sehr weit am andern Rand der Welt,
dort, wo die Helfer alle sind,
und meine letzte Hoffnung bellt
am Ufer durch den Gegenwind.

Ich spür dann, daß mich niemand hört,
und sammle still die Funken ein,
mein Herz – das knisternd mich beschwört –
wird nach und nach zum Feuerstein.

13.1.18

PETER HUCHEL: THRAKIEN




PETER HUCHEL


THRAKIEN

Eine Flamme züngelt
Hier nachts am Boden,
Es wirbelt weißes Laub.
Und mittags zerschellt
Die Sichel des Lichts.
Das Rascheln des Sandes
Zerklüftet das Herz.

Hebe den Stein nicht auf,
Den Speicher der Stille.
Unter ihm
Verschläft der Tausendfüßler
Die Zeit.

Über den Paß,
Gekerbt von Pferdehufen,
Weht eine Mähne aus Schnee.
Mit rauchlosen Schatten
Vieler Feuer
Füllt sich am Abend die Schlucht.

Ein Messer
Häutet den Nebel,
Den Widder der Berge.
Jenseits des Flusses
Leben die Toten.
Das Wort
Ist die Fähre.

12.1.18

PAUL CELAN: MARIANNE




PAUL CELAN


MARIANNE

Fliederlos ist dein Haar, dein Antlitz aus Spiegelglas.
Von Auge zu Aug zieht die Wolke, wie Sodom nach 
  Babel:
wie Blattwerk zerpflückt sie den Turm und tobt um
  das Schwefelgesträuch.
Dann zuckt dir ein Blitz um den Mund – jene Schlucht 
  mit den Resten der Geige.
Mit schneeigen Zähnen führt einer den Bogen: O schöner
  tönte das Schilf!
Geliebte, auch du bist das Schilf und wir alle der Regen;
ein Wein ohnegleichen dein Leib, und wir bechern zu zehnt;
ein Kahn im Getreide dein Herz, wir rudern ihn nachtwärts;
ein Krüglein Bläue, so hüpfest du leicht über uns, und wir
  schlafen…
Vorm Zelt zieht die Hundertschaft auf, und wir tragen dich
  zechend zu Grabe.
Nun klingt auf den Fliesen der Welt der harte Taler der 
  Träume.

ILSE AICHINGER: WIDMUNG




ILSE AICHINGER


WIDMUNG

Ich schreibe euch keine Briefe,
aber es wäre mir leicht, mit euch zu sterben.
Wir ließen uns sacht die Monde hinunter
und läge die erste Rast noch bei den wollenen Herzen,
die zweite fände uns schon mit Wölfen und Himbeergrün
und dem nichts lindernden Feuer, die dritte, da wär ich
durch das fallende dünne Gewölk mit seinen spärlichen
Moosen
und das arme Gewimmel der Sterne, das wir so leicht
überschritten,
in eurem Himmel bei euch.