19.9.18

PAUL CELAN: CHANSON EINER DAME IM SCHATTEN



PAUL CELAN


CHANSON EINER DAME IM SCHATTEN

Wenn die Schweigsame kommt und die Tulpen köpft :
Wer gewinnt ?
Wer verliert ?
Wer tritt an das Fenster ?
Wer nennt ihren Namen zuerst ?

Es ist einer, der trägt mein Haar.
Er trägts wie man Tote trägt auf den Händen.
Er trägts wie der Himmel mein Haar trug im Jahr, da ich liebte.
Er trägt es aus Eitelkeit so.

Der gewinnt.
Der verliert nicht.
Der tritt nicht ans Fenster.
Der nennt ihren Namen nicht.

Es ist einer, der hat meine Augen.
Er hat sie, seit Tore sich schliessen.
Er trägt sie am Finger wie Ringe.

Er trägt sie wie Scherben von Lust und Saphir :
er war schon mein Bruder im Herbst ;
er zählt schon die Tage und Nächte.

Der gewinnt.
Der verliert nicht.
Der tritt nicht ans Fenster.
Der nennt ihren Namen zuletzt.

Es ist einer, der hat, was ich sagte.
Er trägts unterm Arm wie ein Bündel.
Er trägts wie die Uhr ihre schlechteste Stunde.
Er trägt es von Schwelle zu Schwelle, er wirft es nicht fort.

Der gewinnt nicht.
Der verliert.
Der tritt an das Fenster.
Der nennt ihren Namen zuerst.

Der wird mit den Tulpen geköpft.

18.9.18

CHRISTINE LAVANT: WENN DU MICH HEIMSUCHEN WILLST



CHRISTINE LAVANT


WENN DU MICH HEIMSUCHEN WILLST

Wenn du mich heimsuchen willst
mußt du zuvor ein Schüsselchen Milch
mir in die Herzmulde schütten
weil dort ein wütender Igel haust
tobsüchtig vor Hunger.

Wenn du mich heimsuchen willst
mußt du zuvor einen Flammenring
um meine Hirnschale legen
eil dort ein giftiger Skorpion
seine Jungen herumfuhrt.

Wenn du mich heimsuchen willst
mußt du mit einem hochheiligen Spruch
meine steinerne Zunge besprechen
weil sie neunmal am Tag in die Hölle fährt
um ein Wort zu verbrennen.

Wenn du dies alles bestanden hast
bist du willkommen auf Stirne und Mund
und erwartet vom sanftesten Herzen
im Zeichen des Kreuzes.

30.6.18

KARL KROLOW: ZEIT



KARL KROLOW


ZEIT

Zeit: etwas
das die Taschen
feucht von Blut macht.

Es regnet Leben
aus offenen Körpern.

Die Tage und
ihr stilles Geschäft
mit Menschen, die verloren
gehen.

Ein Monat malt
dem nächsten sein Bild
in den Sand,
ohne Verwandtschaft
mit dem, was kommt.

Kein schönes Wetter
verändert ein Karzinom.

Die geordneten Papiere
verbrennen Jahr um Jahr.

29.6.18

MASCHA KALÉKO: MEMENTO




MASCHA KALÉKO


MEMENTO

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
und lass mich willig in das Dunkel treibe...
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem Gleiches widerfuhr
- und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andren muss man leben!

13.6.18

PAUL CELAN: BRANDUNG



PAUL CELAN


BRANDUNG

Du, Stunde, flügelst in den Dünen.

Die Zeit, aus feinem Sande, singt in meinen Armen:
ich lieg bei ihr, ein Messer in der Rechten.

So schäume, Welle! Fisch, trau dich hervor!
Wo Wasser ist, kann man noch einmal leben,
noch einmal mit dem Tod im Chor die Welt herübersingen,
noch einmal aus dem Hohlweg rufen : Seht,
wir sind geborgen,
seht, das Land war unser, seht,
wie wir dem Stern den Weg vertraten!