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28.3.16

CLAIRE GOLL: ZEHN JAHRE SCHON



CLAIRE GOLL


ZEHN JAHRE SCHON

Zehn Jahre schon daß du mich liebst
Zehn Jahre zehn Minuten gleich
Und immer seh ich dich zum ersten Mal:

Die Taschen voller Rosen
Künftige Tränen hinter der Brille
Wie Diamanten in Vitrinen
In deiner Brust eine Lerche
Und unter den schüchternen Handschuhn
Die Zärtlichkeiten der Zukunft.

Zehn Jahre schon daß du mich liebst
Daß auf allen Uhren
Die Zeit auf immer stillstand.

6.9.15

CLAIRE GOLL: WÄHREND WIR EINSCHLAFEN




CLAIRE GOLL


WÄHREND WIR EINSCHLAFEN

Während wir einschlafen wird Frühling:
Blüht Goldlack aus deinen Augen,
Versucht ein Vogel sein Nachtgebet:
Ich möchte noch schluchzen,
Aber ich schlafe schon.

Es ist warm wie in Italien in deinem Arm.
Deine Augen sind Datteln, braun und süss,
Und dein Mund schmeckt noch östlicher
Nach Feigen von Smyrna.
In rosa Lorbeerhainen
Geht der neue Orpheus spazieren
Mit seinem Dackel.

Von deinem Traum zu meinem
Führen Palmenalleen;
Denn wir träumen ein und denselben Traum,
Ein und dasselbe Leben,
Ein und denselben Tod

1.6.15

CLAIRE GOLL: LIEBE




CLAIRE GOLL


LIEBE

Ich liebe die Stille zwischen uns
Dieselbe Stille wie zwischen Blumen.
Das leise Schweigen am Morgen,
Das lautere des Abends
Und das zitternde zu Mitternacht
Das um den Andern fürchtet.

Ich mag nicht, dass Menschen kommen
Und uns unsere Stille stehlen,
Die gross ist wie die Stille der Kathedralen.
Ach, wie sie es zerbrechen
Unser blaues Schweigen aus venetianischem Glas.
Ich könnte weinen, wenn Fremde kommen.
Nur die Vögel draussen verstehen uns
Und singen unsre Stille
Und machen uns noch stummer vor der Ewigkeit.
Stille, süsser Vorschuss auf den Tod,
Sag dem Geliebten wie ich ihn liebe.

19.4.15

CLAIRE GOLL: DASS VÖGEL SIND!




CLAIRE GOLL


DASS VÖGEL SIND!

Dass Vögel sind!
Füsschen im Schnee!
Federn um Gesang
Kleiner Ball voll Gefühl.
Von Sehnsucht geschleudert
Aus einer Welt in die andre,
Von einem Klima zum andern.
Dass Vögel sind! Ziehende Vögel,
Rührend klein vor dem grossen Raum,
zarter Flug um Gott.
Wie möchte man knien
weil Vögel sind!

17.1.15

CLAIRE GOLL: UNSCHLAFLIED




CLAIRE GOLL


UNSCHLAFLIED

Ich liege mit deinen Träumen
Märchen mit Wildkatzenaugen
jede Nacht
türkisblau Staunen
Steinte silberne Panther fressen mein Herz
Vögel wachsen
Rosen zwitschern
Sternschaum an goldenen Kugeln tropft
Ich liege mit deinen Träumen
jede Nacht
sterb ich nach dir

17.12.14

CLAIRE GOLL: DU KOMMST




CLAIRE GOLL


DU KOMMST

Du
Tötest alle Dezembernesseln
Mit März
Mein Herz rufet schon Hyazinthen
Süss-süsser Rausch
Vergehen

Aus allen Augen duften Narzissen
Mir
Weinen Lachen
Und Taumel
Ich scheine Sonne
Hin-gebend
Demut
Du kommst!

16.4.09

CLAIRE GOLL: ENTSÜNDIGUNG


CLAIRE GOLL(1891-1977)


ENTSÜNDIGUNG


Unter einem zärtlichen Mimosenbaum
Voll gelber Lächeln
Lieg ich –
Ohne die schamlosen Kleider
Ohne Stöckelschuhe, ohne Schmuck
Und Hut und Handschuh,
Den ganzen Kram der Stadt,
Die arme Verkleidung.
Nackt und fühlend an der riesigen Erde,
Die ich schüchtern in kleine Arme presse,
Und über mir der große Wind,
Der Weltreisende...
O sich in Blumen wiederzufinden,
O nur noch Erde zu sein!

Als ich noch eitel durch die Stadtstraßen ging,
Als ich noch wichtig am Postschalter stand
Oder beim Friseur die Haare kräuselte
– Während Mimosen von mir träumten –
Als ich mir noch die Nägel manikürte
Und nur daran dachte, zu gefallen, ...
Als ich ganz mittellos an Seele war,
Hörte ich aus den Körben der Händler
Mimosen wild hinausschrein –
Dem Nichts, dem Kehricht, dem Tod entgegen –
Da floh ich ihren blonden Wäldern zu.