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10.1.18

HANS MAGNUS ENZENSBERGER: WEITERE GRÜNDE DAFÜR, DAS DIE DICHTER LÜGEN




HANS MAGNUS ENZENSBERGER


WEITERE GRÜNDE DAFÜR, DAS DIE DICHTER LÜGEN

Weil der Augenblick,
in dem das Wort glücklich
ausgesprochen wird,
niemals der glückliche Augenblick ist.
Weil der Verdurstende seinen Durst
nicht über die Lippen bringt.
Weil im Munde der Arbeiterklasse
das Wort Arbeiterklasse nicht vorkommt.
Weil, wer verzweifelt,
nicht Lust hat, zu sagen:
»Ich bin ein Verzweifelnder. «
Weil Orgasmus und Orgasmus
nicht miteinander vereinbar sind.
Weil der Sterbende, statt zu behaupten:
»Ich sterbe jetzt« nur ein mattes Geräusch vernehmen läßt,
das wir nicht verstehen.
Weil es die Lebenden sind,
die den Toten in den Ohren liegen
mit ihren Schreckensnachrichten.
Weil die Wärter zu spät kommen,
oder zu früh.
Weil es also ein anderer ist,
immer ein anderer,
der da redet,
und weil der,
von dem da die Rede ist,
schweigt.

12.9.17

HANS MAGNUS ENZENSBERGER: VON DER ALGEBRA DER GEFÜHLE




HANS MAGNUS ENZENSBERGER


VON DER ALGEBRA DER GEFÜHLE

Ich habe oft das Gefühl (brennend,
dunkel, undefinierbar usw.),
daß das Ich keine Tatsache ist,
sondern ein Gefühl,
das ich nicht loswerde.

Ich hege es, lasse ihm freien Lauf,
erwidere es, von Fall zu Fall.
Aber es ist nur eins unter vielen.

Die Menge der Gefühle ist abzahlbar unendlich,
d. h. sie lassen sich im Prinzip numerieren,
bis ins Aschgraue.

Die Nummer der Eifersucht
ist offensichtlich die Sieben.
Auch die Angst ist prim.
Und ich habe das dumpfe Gefühl,
daß die Demütigung
die 188 auf ihrer Stirn trägt –
eine Zahl ohne Eigenschaften.
Auch das Gefühl, numeriert zu sein,
ist vermutlich längst numeriert,
nur wozu und von wem?

Das erhabne Gefühl des Zorns
bewohnt ein anderes Zimmer
in Hilberts Hotel
als das Gefühl,
über den Zorn erhaben zu sein.

Und nur wer sich hingeben kann
dem abstrakten Gefühl
für die Abstraktion, der weiß,
daß es in manchen sehr hellen Nächten
den Wert √− 1 anzunehmen pflegt.

Dann wieder läuft es mir kalt
über den Rücken, das Gefühl,
ein Paket zu sein,
das gefühllose, pelzige Gefühl,
von dem die Zunge zu bersten droht
nach der Injektion,
wenn sie dem Zahn auf den Zahn fühlt,
oder die Peinlichkeit
mit ihrem durchdringenden Bleigeschmack,
das mächtige Gefühl der Ohnmacht,
das unaufhaltsam der Null zustrebt,
und das falsche Gefühl
der wahren Empfindung
mit seinem abscheulichen Kettenbruch.

Dann erfüllt mich
eine Schnittmenge aus gemischten Gefühlen,
schuldig, fremd, wohl, verloren,
alles auf einmal.

Nur dem höchsten der Gefühle
wäre das Ich nicht gewachsen.
Statt Aufwallungen zu suchen
mit dem Limes ∞,
läßt es sich lieber
eine Minute lang übermannen
vom Schauder des eisig heißen Wassers
unter der Dusche, dessen Nummer
noch keiner entziffert hat.

12.6.17

HANS MAGNUS ENZENSBERGER: EVENTUELL




HANS MAGNUS ENZENSBERGER


EVENTUELL

Vorläufig bin ich noch da. Ich harre aus,
wie dort oben der schwarze Nachtfalter
an der weißen Wand. Ich rühre mich nicht.
Einstweilig sind meine Verfügungen.
Nirgends ein Heureka. Nur ab und zu

winzige Offenbarungen, millimetertief,
vorübergehend wie das Glück, wie der Rauch
der beinahe letzten Zigarette.
Das meiste verdunstet wie das Parfum in einer Flasche,
die den Stöpsel eingebüßt hat.

Die Astrophysiker sagen,
selbst die Sonne sei nicht so dauerhaft,
wie sie scheint. Die letzte Instanz
ist bloß eine Kneipe, in der die Anwälte
ihre Zeit totschlagen.

Das Jüngste Gericht läßt auf sich warten.
Geduld, sag ich mir, nur keine Panik!
Wer weiß, ob auf die Vergänglichkeit
Wirklich Verlass ist. Nur der Tod,
sagen die Sterblichen, sei definitiv.

Doch ob wir beide erwachen,
sobald die Posaune erschallt,
ob wir sie bemerken werden,
unsere Wiedergeburt,
ich und die dunkle Motte dort?

2.10.16

HANS MAGNUS ENZENSBERGER: FEHLER




HANS MAGNUS ENZENSBERGER


FEHLER

Nebenan spielt ein Kind Pour Elise.
Man hört den Fehler, immer wieder von vorn.
Das Dogma von der Unfehlbarkeit
war ein Fauxpas. Es ist ein fataler Patzer
des Parasiten, den Wirt zu töten.
Man nennt das auch Globalisierung.

Schamhaft verbirgt sich der entscheidende Fehler
in einer Düne von geringfügigen Irrtümern
und geht darin unter. An warnenden Stimmen
hat es noch nie gefehlt, die sagen:
Die Welt ist das Unkorrigierbare.

Rührende Reparaturversuche, Flicken,
Plomben, Reformen, Verbesserungen
mit roter Tinte und Pentimenti
führen zu vollkommen neuen Schnitzern.

Gewiß, Geburtsfehler und Fehlgeburten,
das sind zwei Paar Stiefel.
Doch auch die Leistung geht fehl,
die Farbe, die Bitte, der Start,
der Tritt und die Zündung.

Eine Milchstraße von Verirrungen,
die wundernimmt. Aufs Ganze gesehen,
entsteht daraus ein Mirakel.

Fehler um jeden Preis zu vermeiden,
das wäre verfehlt.
Man gesteht ja, räumt ein,
daß man sich vertan hat,
verschrieben, verrannt.

Manche Gedichte zum Beispiel
wären vollkommen,
hätte sie vor diesem Los
nicht ein winziger Fehler bewahrt.

Aus Versehen ist man glücklich,
zuweilen, einen Moment lang,
aus Versehen. Aber etwas fe
hlt.