27.1.20

HERMANN HESSE: UND MORGEN BIN ICH TOT



HERMANN HESSE


UND MORGEN BIN ICH TOT

Das ist ein Denken wunderbar,
Daß dann mein Aug’, so licht es war,
Erlischt, und daß mein Mund vergißt
Die tausend Küsse, die er geküßt.

Dann wird die Welt, die mich gekannt,
Mit ihrer neugierfrechen Hand
Die Hülle von meinem Leben reißen,
Wird einer dem andern klar beweisen,
Daß ich ein schlimmer Geselle war,
Ein Dichter, ein Lügner, ein eitler Narr.
Und übermorgen, wenn ich vergessen,
Wird ein andrer mit gleichem Maß gemessen.

Derweil in einer andern Welt
Ein goldner Stern vom Himmel fällt,
Und geht ein Klagen und Weinen
Um ihn, um den Einen,
Den goldenen Stern, der so früh verblich.
Und der Stern war ich.

Auch mein Mädel wird weinen.
Dann kommen die Andern singend in’s Haus
Und reden’s ihr aus.
Sie sitzen zusammen beim Glase Wein
Und lachen mein.
Und ihre Lippen sind warm und rot.

Morgen bin ich tot.