21.11.16

FRIEDERIKE MAYRÖCKER: WAS BRAUCHST DU




FRIEDERIKE MAYRÖCKER


WAS BRAUCHST DU

was brauchst du? einen Baum ein Haus zu
ermessen wie groß wie klein das Leben als Mensch
wie groß wie klein wenn du aufblickst zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
wie groß wie klein bedenkst du wie kurz
dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume
du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
die Gestirne das Gras die Blume den Himmel

6.11.16

HERMANN HESSE: ICH LIEBE FRAUEN




HERMANN HESSE


ICH LIEBE FRAUEN

Ich liebe Frauen, die vor tausend Jahren
Geliebt von Dichtern und besungen waren.

Ich liebe Städte, deren leere Mauern
Königsgeschlechter alter Zeit betrauern.

Ich liebe Städte, die erstehen werden,
Wenn niemand mehr von heute lebt auf Erden.

Ich liebe Frauen—schlanke, wunderbare,
Die ungeboren ruhn im Schoss der Jahre.

Sie werden einst mit ihrer sternebleichen
Schönheit der Schönheit meiner Träume gleichen.

5.11.16

FRIEDRICH VON SCHLEGEL: DIE GEBÜSCHE




FRIEDRICH VON SCHLEGEL


DIE GEBÜSCHE

Es wehet kühl und leise
Die Luft durch dunkle Auen,
Und nur der Himmel lächelt
Aus tausend hellen Augen.

Es regt nur Eine Seele
Sich in der Meere Brausen,
Und in den leisen Worten,
Die durch die Blätter rauschen.

So tönt in Welle Welle,
Wo Geister heimlich trauren;
So folgen Worte Worten,
Wo Geister Leben hauchen.

Durch alle Töne tönet
Im bunten Erdentraume
Ein leiser Ton gezogen,
Für den, der heimlich lauschet.