16.5.14

RAINER MARIA RILKE: MENSCHEN BEI NACHT




RAINER MARIA RILKE


MENSCHEN BEI NACHT

Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.
Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht,
und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.
Und machst du nachts deine Stube licht,
um Menschen zu schauen ins Angesicht,
so musst du bedenken: wem.

Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt,
das von ihren Gesichtern träuft,
und haben sie nachts sich zusammengesellt,
so schaust du eine wankende Welt
durcheinandergehäuft.
Auf ihren Stirnen hat gelber Schein
alle Gedanken verdrängt,
in ihren Blicken flackert der Wein,
an ihren Händen hängt
die schwere Gebärde, mit der sie sich
bei ihren Gesprächen verstehn;
und dabei sagen sie: Ich und Ich
und meinen: Irgendwen.

7.5.14

JOHANNES BOBROWSKI: SPRACHE



JOHANNES BOBROWSKI


SPRACHE

Der Baum
größer als die Nacht
mit dem Atem der Talseen
mit dem Geflüster über
der Stille

Die Steine
unter dem Fuß
die leuchtenden Adern
lange im Staub
für ewig

Sprache
abgehetzt
mit dem müdem Mund
auf dem endlosen Weg
zum Hause des Nachbarn

5.5.14

JÜRGEN THEOBALDY: SCHNEE IM BÜRO



JÜRGEN THEOBALDY (1944)


SCHNEE IM BÜRO

Eine gewisse Sehnsucht nach Palmen. Hier
ist es kalt, aber nicht nur. Deine Küsse
am Morgen sind wenig, später sitze ich
acht Stunden hier im Büro. Auch du
bist eingesperrt, und wir dürfen nicht
miteinander telefonieren. Den Hörer abnehmen
und lauschen? Telefon, warum schlägt
dein Puls nur für andere? Jemand fragt:
"Wie geht’s?", wartet die Antwort nicht ab
und ist aus dem Zimmer.
Was kann Liebe bewegen? Ich berechne
Preise und werde berechnet. All die Ersatzteile,
die Kesselglieder, Ölbrenner, sie gehen
durch meinen Kopf als Zahlen, weiter nichts.
Und ich gehe durch jemand hindurch
als Zahl. Aber am Abend komme ich zu dir
mit allem, was ich bin. Lese von
Wissenschaftlern: auch die Liebe ist
ein Produktionsverhältnis. Und wo sind
die Palmen? Die Palmen zeigen sich am Strand
einer Ansichtskarte, wir liegen auf dem Rücken
und betrachten sie. Am Morgen kehren wir
ins Büro zurück, jeder an seinen Platz.
Er hat eine Nummer, wie das Telefon.

4.5.14

ELSE LASKER-SCHÜLER: NUR DICH



ELSE LASKER-SCHÜLER (1869-1945)


NUR DICH

Der Himmel trägt im Wolkengürtel
Den gebogenen Mond.

Unter dem Sichelbild
Will ich in deiner Hand ruhn.

Immer muß ich wie der Sturm will,
Bin ein Meer ohne Strand.

Aber seit du meine Muscheln suchst,
Leuchtet mein Herz.

Das liegt auf meinem Grund
Verzaubert.

Vielleicht ist mein Herz die Welt,
Pocht -

Und sucht nur noch dich –
Wie soll ich dich rufen?

3.5.14

HERMANN HESSE: LIEBE



HERMANN HESSE


LIEBE

Wieder will mein froher Mund begegnen
Deinen Lippen, die mich küssend segnen,
Deine lieben Finger will ich halten
Und in meine Finger spielend falten,

Meinen Blick an deinem dürstend füllen,
Tief mein Haupt in deine Haare hüllen,
Will mit immerwachen jungen Gliedern
Deiner Glieder Regung treu erwidern

Und aus immer neuen Liebesfeuern
Deine Schönheit tausendmal erneuern,
Bis wir ganz gestillt und dankbar beide
Selig wohnen über allem Leide,

Bis wir Tag und Nacht und Heut und Gestern
Wunschlos grüßen als geliebte Schwestern,
Bis wir über allem Tun und Handeln
Als Verklärte ganz im Frieden wandeln.

28.4.14

PETER HANDKE: LIED VOM KINDSEIN




PETER HANDKE


LIED VOM KINDSEIN

Als das Kind Kind war,
ging es mit hängenden Armen,
wollte der Bach sei ein Fluß,
der Fluß sei ein Strom,
und diese Pfütze das Meer.

Als das Kind Kind war,
wußte es nicht, daß es Kind war,
alles war ihm beseelt,
und alle Seelen waren eins.

Als das Kind Kind war,
hatte es von nichts eine Meinung,
hatte keine Gewohnheit,
saß oft im Schneidersitz,
lief aus dem Stand,
hatte einen Wirbel im Haar
und machte kein Gesicht beim fotografieren.

Als das Kind Kind war,
war es die Zeit der folgenden Fragen:
Warum bin ich ich und warum nicht du?
Warum bin ich hier und warum nicht dort?
Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?
Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum?
Ist was ich sehe und höre und rieche
nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt?
Gibt es tatsächlich das Böse und Leute,
die wirklich die Bösen sind?
Wie kann es sein, daß ich, der ich bin,
bevor ich wurde, nicht war,
und daß einmal ich, der ich bin,
nicht mehr der ich bin, sein werde?

Als das Kind Kind war,
würgte es am Spinat, an den Erbsen, am Milchreis,
und am gedünsteten Blumenkohl.
und ißt jetzt das alles und nicht nur zur Not.

Als das Kind Kind war,
erwachte es einmal in einem fremden Bett
und jetzt immer wieder,
erschienen ihm viele Menschen schön
und jetzt nur noch im Glücksfall,
stellte es sich klar ein Paradies vor
und kann es jetzt höchstens ahnen,
konnte es sich Nichts nicht denken
und schaudert heute davor.

Als das Kind Kind war,
spielte es mit Begeisterung
und jetzt, so ganz bei der Sache wie damals, nur noch,
wenn diese Sache seine Arbeit ist.

Als das Kind Kind war,
genügten ihm als Nahrung Apfel, Brot,
und so ist es immer noch.

Als das Kind Kind war,
fielen ihm die Beeren wie nur Beeren in die Hand
und jetzt immer noch,
machten ihm die frischen Walnüsse eine rauhe Zunge
und jetzt immer noch,
hatte es auf jedem Berg
die Sehnsucht nach dem immer höheren Berg,
und in jeder Stadt
die Sehnsucht nach der noch größeren Stadt,
und das ist immer noch so,
griff im Wipfel eines Baums nach dem Kirschen in einemHochgefühl
wie auch heute noch,
eine Scheu vor jedem Fremden
und hat sie immer noch,
wartete es auf den ersten Schnee,
und wartet so immer noch.

Als das Kind Kind war,
warf es einen Stock als Lanze gegen den Baum,
und sie zittert da heute noch.

UWE KOLBE: NIRGENDWO MEHR HIN



UWE KOLBE (1957)


NIRGENDWO MEHR HIN

Werden auf der Brücke bleiben,
eines in des andern Armen,
küssen sich, weit offne Augen
werden in den Mond sehn.

Haben Vater, Mutter wohl,
haben sie vergessen.
Sind so jung und schon so schwer,
wenn sie sich im Kreis drehn.

Werden Himmeln und Laternen
Liebe und den Ausbruch schwören.
Doch die Lichter, Straßen bleiben
stumm, es wird nur Wind wehn.

Werden von der Brücke nicht mehr,
nicht für Eltern, für die Katz,
nur noch sich und sich gehören,
nirgendwo mehr hin gehn.

27.4.14

THOMAS BERNHARD: HINTER DEN BÄUMEN IST EINE ANDERE WELT




THOMAS BERNHARD (1931-1989)


HINTER DEN BÄUMEN IST EINE ANDERE WELT

Hinter den Bäumen ist eine andere Welt,
der Fluß bringt mir die Klagen,
der Fluß bringt mir die Träume,
der Fluß schweigt wenn ich am Abend in den Wäldern
vom Norden träume...

Hinter den Bäumen ist eine andere Welt,
die mein Vater vertauscht hat für zwei Vogel,
die meine Mutter heimtrug in einem Korb,
die mein Bruder im Schlaf verlor, als er sieben Jahre alt war und müde…

Hinter den Bäumen ist eine andere Welt,
ein Gras, das nach Trauer schmeckt, eine schwarze Sonne,
ein Mond der Toten,
eine Nachtigall, die nicht aufhört zu klagen
von Brot und Wein
und Milch in großen Krügen
in der Nacht der Gefangenen.

Hinter den Bäumen ist eine andere Welt,
sie gehen in langen Furchen hinunter
in die Dörfer, in die Wälder der Jahrtausende,
morgen fragen sich nach mir,
nach der Musik meiner Gebrechen,
wenn der Weizen fault, wenn nichts von gestern
geblieben ist, von ihren Zimmern, Sakristeien und Wartesälen.

Ich will sie verlassen. Mit keinem
will ich mehr sprechen
sie haben mich verraten, der Acker weiß es, die Sonne
wird mich verteidigen, ich weiß,
ich bin zu spät gekommen...

Hinter den Bäumen ist eine andere Welt,
dort ist ein anderer Kirtag,
im Kessel der Bauern schwimmen die Toten und um die Tümpel
schmilzt leise der Speck von den roten Skeletten,
dort träumt keine Seele mehr von Mühlrad,
und der Wind versteht
nur den Wind...

Hinter den Bäumen ist eine andere Welt,
das Land der Fäulnis, das Land
der Händler,
eine Landschaft der Gräber laß hinter dir
und du wirst vernichten, grausam schlafen
und trinken und schlafen
von Morgen zum Abend, vom Abend zum Morgen
und nicht mehr verstehn, nicht den Fluß und nicht die Trauer;
denn hinter den Bäumen
        morgen,
und hinter den Hügeln,
        morgen,
ist eine andere Welt.

26.4.14

RAINER MARIA RILKE: HERBSTTAG


RAINER MARIA RILKE


HERBSTTAG

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

21.9.1902, Paris