3.10.11

GEORG TRAKL: AN DIE VERSTUMMTEN


GEORG TRAKL


AN DIE VERSTUMMTEN


O, der Wahnsinn der großen Stadt, da am Abend
  An schwarzer Mauer verkrüppelte Bäume starren,
  Aus silberner Maske der Geist des Bösen schaut;
  Licht mit magnetischer Geißel die steinerne Nacht verdrängt.
  O, das versunkene Läuten der Abendglocken.
Hure, die in eisigen Schauern ein totes Kindlein gebärt.
  Rasend peitscht Gottes Zorn die Stirne des Besessenen,
  Purpurne Seuche, Hunger, der grüne Augen zerbricht.
  O, das gräßliche Lachen des Golds.
Aber stille blutet in dunkler Höhle stummere Menschheit,
  Fügt aus harten Metallen das erlösende Haupt.

22.9.11

JAKOB VAN HODDIS: HE!


JAKOB VAN HODDIS


HE!


Abend war's: Die Gänse schnattern
Heimwärts in die Abendsonne.
- Denkt der Stadtherr poesievoll.

Ha! Der Vater mit dem Sohne
- Auf dem Zündloch der Kanone -
Geht aufs Tempelhofer Feld.

Kürassiere schreiten richtig,
Vater nimmt die Sache wichtig:
„Sohn, o Sohn, o werde tüchtig!“

Ha! Er gibt den Rat ihm nun,
Die unerhörte Tat zu tun,
Endlich ein Genie zu sein.

Ha! Aus seiner stillen Klause
Wo er korrigierend thront,
Steigt ein blasser Oberlehrer
Und beschaut den roten Mond.

„Einst als gelockter Jüngling in der Bar
Sah ich begeistert mancher Dame Schwips.
O, überirdisch himmlisch stand ihr Haar
Zur Rötlichkeit des Sherry Brandy Flips.“

6.9.11

AXEL KUTSCH: ANLEITUNG


AXEL KUTSCH (1945)


ANLEITUNG

Wenn Sie ein Gedicht lesen,
dann lesen Sie es am besten so,
sehen Sie, so.
Selbstverständlich können Sie
es auch anders lesen.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten.
Beispielsweise so.
Oder so.
Ich habe einen Mann gekannt,
der Gedichte so las.
Aber er war eine Ausnahme.
Die meisten lesen Gedichte so.
Ja, genau so.
Haben Sie schon einmal
ein Gedicht so gelesen?
Nein, nicht so, sondern so.
Ich sage Ihnen, es bringt nicht viel,
wenn man ein Gedicht so liest.
Man liest es besser so.
Verbindliche Regeln gibt es nicht.
Aber glauben Sie mir:
Sie haben mehr von einem Gedicht,
wenn Sie es so lesen –
sehen Sie, so.

5.9.11

PAUL CELAN: CORONA


PAUL CELAN


CORONA


Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

4.9.11

RAINER MARIA RILKE: WIR SIND NUR MUND


RAINER MARIA RILKE


WIR SIND NUR MUND


Wir sind nur Mund. Wer singt das ferne Herz,
das heil inmitten aller Dinge weilt?
Sein grosser Schlag ist in uns eingeteilt
in kleine Schläge. Und sein grosser Schmerz
ist, wie sein grosser Jubel, uns zu gross.
So reissen wir uns immer wieder los
und sind nur Mund.

Aber auf einmal bricht
der grosse Herzschlag heimlich in uns ein,
so dass wir schrein —,
und sind dann Wesen, Wandlung und Gesicht.

27.8.11

YVAN GOLL: ICH LIEBE


YVAN GOLL (1891-1950)


ICH LIEBE


Aus beiden Augen strahlt meine goldene Liebe
In beiden Händen zittert die furchtsame Liebe
In meinen Schläfen klopft die gefangene Liebe
Mein Lied ist Liebe
Mein Schweigen ist Liebe
Mein Tanz ist Liebe
Meine Krankheit ist Liebe
Der Frühling ist Liebe
November ist Liebe
Ich lebe aus Liebe
Ich sterbe vor Liebe

20.8.11

ALFRED LICHTENSTEIN: NEBEL


ALFRED LICHTENSTEIN (1889-1914)


NEBEL

Ein Nebel hat die Welt so weich zerstört.
Blutlose Bäume lösen sich in Rauch.
Und Schatten schweben, wo man Schreie hört.
Brennende Biester schwinden hin wie Hauch.

Gefangne Fliegen sind die Gaslaternen.
Und jede flackert, daß sie noch entrinne.
Doch seitlich lauert glimmend hoch in Fernen
Der giftge Mond, die fette Nebelspinne.

Wir aber, die, verrucht, zum Tode taugen,
Zerschreiten knirschend diese wüste Pracht.
Und stechen stumm die weißen Elendsaugen
Wie Spieße in die aufgeschwollne Nacht.

18.8.11

STEFAN GEORGE: WIR SCHREITEN AUF UND AB IM REICHEN FLITTER


STEFAN GEORGE (1868-1933)


WIR SCHREITEN AUF UND AB IM REICHEN FLITTER


Wir schreiten auf und ab im reichen flitter
Des buchenganges beinah bis zum tore
Und sehen aussen in dem feld vom gitter
Den mandelbaum zum zweitenmal im flore .

Wir suchen nach den schattenfreien bänken
Dort wo uns niemals fremde stimmen scheuchten ·
In träumen unsre arme sich verschränken ·
Wir laben uns am langen milden leuchten

Wir fühlen dankbar wie zu leisem brausen
Von wipfeln strahlenspuren auf uns tropfen
Und blicken nur und horchen wenn in pausen
Die reifen früchte an den boden klopfen.

8.8.11

REINER KUNZE: DIE LIEBE


REINER KUNZE (1933)


DIE LIEBE


Die liebe
ist eine wilde rose in uns
Sie schlägt ihre wurzeln
in den augen,
wenn sie dem blick des geliebten begegnen
Sie schlägt ihre wurzeln
in den wangen,
wenn sie den hauch des geliebten spüren
Sie schlägt ihre wurzeln in der haut des armes,
wenn ihn die hand des geliebten berührt
Sie schlägt ihre wurzeln,
wächst wuchert
und eines abends
oder eines morgens
fühlen wir nur:
sie verlangt
raum in uns

Die liebe
ist eine wilde rose in uns,
unerforschbar vom verstand
und ihm nicht untertan
Aber der verstand
ist ein messer in uns

Der verstand
ist ein messer in uns,
zu schneiden der rose
durch hundert zweige
einen himmel

7.8.11

AXEL KUTSCH: FEIER DES WORTES


AXEL KUTSCH (1945)



FEIER DES WORTES


Bevor Sie dieses Gedicht betreten,
ziehen Sie sich bitte die Schuhe aus.
Sie werden vom Autor darum gebeten.
Sparen Sie am Ende nicht mit Applaus.

Haben Sie sich schon die Hände gewaschen?
Nein? Dann wird es aber höchste Zeit.
Begegnen Sie Dichtung nicht mit der laschen
Einstellung Ihrer Alltäglichkeit.

Was glauben Sie denn, wo Sie gerade weilen?
Hier findet eine Feier des Wortes statt.
Spüren Sie nicht den Wohlklang der Zeilen,
die der Autor für Sie geschrieben hat?

Da darf er ein bißchen Respekt verlangen.
Nehmen Sie gefälligst Haltung an.
Gerade sitzen! Nicht so durchgehangen
wie ein versoffener Liederjan.

Die Zähne sollten Sie sich auch noch putzen.
Ein Gedicht verträgt keinen Mundgeruch.
Oder geht es Ihnen darum, zu beschmutzen,
was Sie mehr fordert als ein Kalenderspruch?

Lesen Sie langsam. Nehmen Sie sich Zeit.
Sorgen Sie noch für gedämpftes Licht.
Sind Sie jetzt endlich soweit?
Dann genießen Sie dieses Gedicht.

6.8.11

H[ANS] G[ÜNTHER] ADLER: AUS ALTEN HINDERNISSEN


H[ANS] G[ÜNTHER] ADLER (1910-1988)


AUS ALTEN HINDERNISSEN


Nach mir verblieben Wunder des Gedächtnisses.
Fremd glühn die Farben meiner Kleider, heraus
Gesucht, da alles fremd im Traum zerinnert
Allen Flüssen fast verschwommen ist. Lebt wohl,

Ihr ärmelweiten Bogenschützen, Rede nun aus
Steilen Dämmerungen! Kümmert ihr euch um der
Verblaßten willen, in geheime Länder jählings
Fortgefahren! Zerrissen fern versiedelt in

Die Fremde! Ihr guten Stammesbrüder, keiner weiß
Euch recht, der Heimat in den Grund gesunken.
Mich, der nichts kennt von mir, will mich ins
Neue fahren. In jedem Schweigen türmt das Leid

Sich seine Gräber. So zieht das Alter in das
Bewußte abschiedstrocken hin in die Verluste.
Mühsam erhebt sich, was ich bin, sehr unbekannt
Ein Ausflug nur von mir aus alten Hindernissen

3.6.11

MAX DAUTHENDEY: NIE WAR DIE EINE LIEBESNACHT...


MAX DAUTHENDEY (1867-1918)


NIE WAR DIE EINE LIEBESNACHT...


Nie war die eine Liebesnacht
In deinem Schoß der andern gleich,
Dein Leib ist ein Septembermond
An immer neuen Früchten reich.

Die Brüste sind ein Traubenpaar,
Und drinnen pocht der junge Wein,
Die Augen sind ein Himmelstor
Und lassen meine Wünsche ein.

29.4.11

AGNES FRANZ: LIEBE KANN NICHT UNTERGEHN!


AGNES FRANZ (1794-1843)


LIEBE KANN NICHT UNTERGEHN!


Wenn sie fremd sich von uns kehren,
Die wir treu und heiß geliebt,
Wenn kein Blick uns Antwort giebt
Auf des Kummers bange Zähren:
Da, o Liebe, halt' uns fest!
Zeige, daß Du uns geblieben,
Wenn auch das, was Menschen lieben,
Wandelnd, treulos sie verläßt!

Du bist ewig! Nur die Thoren
Klagen, Du sey'st wandelbar!
Eh' des Menschen Tag noch war,
War'st Du, Herrliche, geboren!
Du wirst leben, Du wirst seyn,
Wenn der Sonne Glanz versunken!
Deines Lichtes Götterfunken
Hüllet keine Dämm'rung ein!

Darum kannst Du auch nicht scheiden;
Wir nur scheiden uns von Dir!
Andern Göttern huld'gen wir,
Dir zur Trauer, uns zum Leiden!
Was uns kränkte, uns betrog,
War des Wahnes Truggebilde,
Das, statt Deiner Göttermilde,
Der Bethörte an sich zog.

Ruhig schauest Du von oben
In des Träumers wirre Nacht,
Bis er, weinend aufgewacht,
Nun den Schleier hat gehoben.
Da, - ein Stern, der nie verlischt,
Gehst du auf dem Kummervollen,
Bis der Reue Thränen rollen,
Und sich Schmerz mit Wonne mischt.

Und es bricht sich des Geschickes
Und des Hasses finstre Macht,
Alles Grau'n der alten Nacht,
An dem Lächeln Deines Blickes!
Und es tönet von den Höh'n:
"Wie auch, Mensch, Dein Lieben schwanke,
Wie, was Du geliebt, auch wanke:
Liebe kann nicht untergehn!"

25.4.11

BERTOLT BRECHT: VOM ERTRUNKENEN MÄDCHEN


BERTOLT BRECHT


VOM ERTRUNKENEN MÄDCHEN

1

Als sie ertrunken war und hinunterschwamm
Von den Bächen in die größeren Flüsse
Schien der Opal des Himmels sehr wundersam
Als ob er die Leiche begütigen müsse.

2
Tang und Algen hielten sich an ihr ein
So daß sie langsam viel schwerer ward.
Kühl die Fische schwammen an ihrem Bein
Pflanzen und Tiere beschwerten noch ihre letzte Fahrt.

3
Und der Himmel ward abends dunkel wie Rauch
Und hielt nachts mit den Sternen das Licht in der Schwebe.
Aber früh ward er hell, daß es auch
Noch für sie Morgen und Abend gebe.

4
Als ihr bleicher Leib im Wasser verfaulet war
Geschah es (sehr langsam), daß Gott sie allmählich vergaß
Erst ihr Gesicht, dann die Hände und ganz zuletzt erst ihr Haar.
Dann ward sie Aas in Flüssen mit vielem Aas.

21.4.11

JULIUS MOSEN: BRENNENDE LIEBE


JULIUS MOSEN (1803-1867)


BRENNENDE LIEBE


In meinem Garten lachet
Manch Blümlein blau und rot,
Vor allem aber machet
Die brennende Liebe mir Not.

Brauch ihrer nicht zu warten,
Sie blühet Tag und Nacht,
Wer hat mir nur zum Garten
Die brennende Liebe gebracht?

Wohin ich mich nur wende,
Blüht auch die holde Blum',
Es blühet sonder Ende
Die brennende Liebe ringsum.

Die bösen Nachbarinnen,
sie bleiben neidvoll stehn.
sie flüstern: Ach, da drinnen
Blüht brennende Liebe so schön!

19.4.11

FRIEDRICH RÜCKERT: DU BIST DIE RUH'


FRIEDRICH RÜCKERT (1788-1866)


DU BIST DIE RUH'


Du bist die Ruh'
Der Friede mild,
Die Sehnsucht du
Und was sie stillt.

Ich weihe dir
Voll Lust und Schmerz
Zur Wohnung hier
Mein Aug' und Herz.

Kehr' ein bei mir,
Und schließe du
Still hinter dir
Die Pforten zu.

Treib andern Schmerz
Aus dieser Brust!
Voll sei dies Herz
Von deiner Lust.

Dies Augenzelt
Von deinem Glanz
Allein erhellt,
O füll' es ganz.

16.4.11

JOSEPH VON EICHENDORFF: DER WEGELAGERER


JOSEPH VON EICHENDORFF


DER WEGELAGERER


Es ist ein Land, wo die Philister thronen,
Die Krämer fahren und das Grün verstauben,
Die Liebe selber altklug feilscht mit Hauben –
Herr Gott, wie lang willst du die Brut verschonen!

Es ist ein Wald, der rauscht mit grünen Kronen,
Wo frei die Adler horsten, und die Tauben
Unschuldig girren in den grünen Lauben,
Die noch kein Fuß betrat – dort will ich wohnen!

Dort will ich nächtlich auf die Krämer lauern
Und kühn zerhaun der armen Schönheit Bande,
Die sie als niedre Magd zu Markte führen.

Hoch soll sie stehn auf grünen Felsenmauern,
Daß mahnend über alle stillen Lande
Die Lüfte nachts ihr Zauberlied verführen.

23.3.11

HUGO BALL: WOLKEN


HUGO BALL


WOLKEN


elomen elomen lefitalominal
wolminuscalo
baumbala bunga
acycam glastula feirofim flinsi

elominuscula pluplubasch
rallalalaio

endremin saxassa flumen flobollala
fellobasch falljada follidi
flumbasch

cerobadadrada
gragluda gligloda glodasch
gluglamen gloglada gleroda glandridi

elomen elomen lefitalominal
wolminuscalo
baumbala bunga
acycam glastala feirofim blisti
elominuscula pluplusch
rallabataio

3.3.11

AUGUST GRAF VON PLATEN-HALLERMÜNDE: ALS ICH GESEHEN DAS ERSTE MAL DICH HABE


AUGUST GRAF VON PLATEN-HALLERMÜNDE (1796-1835)


[ALS ICH GESEHEN DAS ERSTE MAL DICH HABE]


Als ich gesehn das erste Mal dich habe,
Schienst du mir schön, wiewohl von Stolz befangen,
Die Stimmen tönten und die Gläser klangen,
Und bald verschwandst du wieder, schöner Knabe!

Indessen griff ich nach dem Wanderstabe,
Doch blieb ein leiser Wunsch im Herzen hangen,
Und Schneelawinen gleichet das Verlangen,
Es wächst und wächst, damit es uns begrabe.

Dann ward ich, als ich wieder dich gefunden,
Und mehr und mehr gelernt, dich treu zu lieben,
Aufs neu getrennt von dir und neu verbunden.

So hat das Glück uns hin und her getrieben
Im Wechseltrug der wandelvollen Stunden,
Und nur dein Stolz und deine Schönheit blieben.

HEINRICH SEIDEL: DAS SONETT


HEINRICH SEIDEL (1842-1906) DAS SONETT

So recht geeignet ist für spitz verzwickte
Verschnörkelte Ideen die verzwackte
Sonettenform, und für modern befrackte
Gedanken eine wunderbar geschickte.

Und wer von Weisheit nur ein Körnlein pickte
Und von Ide’n nur ein Ideelein packte,
Der zwängt es gerne in die höchst vertrackte
Sonettenhaut, die viel und oft geflickte.

Die Freude dann, wenn ihm das Glück dann glückte
Und schwitzend er sein Nichts zusammenstückte,
Darob er manche Stunde mühsam hockte!

Doch hilft’s ihm nimmer, dass er drückt’ und druckte,
Weil gähnend ob dem künstlichen Produkte
Die Menschheit ruhig einschläft, die verstockte.