12.5.16

THEODOR DÄUBLER: FLÜGELLAHMER VERSUCH




THEODOR DÄUBLER


FLÜGELLAHMER VERSUCH

Es schweift der Mond durch ausgestorbene Gassen,
Es fällt sein Schein bestimmt durch bleiche Scheiben.
Ich möchte nicht in dieser Gasse bleiben,
Ich leid es nicht, daß Häuser stumm erblassen.

Doch was bewegt sich steil auf den Terrassen?
Ich wähne dort das eigenste Betreiben,
Als wollten Kreise leiblich sich beschreiben,
Ich ahne Laute, ohne sie zu fassen.

Es mag sich wohl ein weißer Vogel zeigen,
Fast wie ein Drache trachten aufzusteigen,
Dabei sich aber langsam niederneigen.

Wie scheint mir dieses Mondtier blind und eigen,
Es klopft an Scheiben, unterbricht das Schweigen
Und liegt dann tot in Hainen unter Feigen.

11.5.16

JOHANNES R. BECHER: DER TOD




JOHANNES R. BECHER


DER TOD

Der Tod, der in dem blassen Mädchen weinet,
Der aufgerollt liegt in der Alten Haar,
Der, was er bös oft trennet, besser einet,
Der jauchzet ungestüm durch manche Bar,

Der gell erschallt im Volkstumult furchtbar,
Als Feuerschrift an schwarzer Wand erscheinet,
Als Strolch mit Hund und Messer nächtlich streunet,
Da werden ihn wohl viele bleich gewahr...

Welch schönes Kleid hat er sich ausgesucht,
Da tat er ab den Flaus aus Kot und Schimmel!
Es bauschet sich in unerhörter Wucht

Sein Mantel, jener zarte Lilahimmel,
Der Herbstzeitlose Kelch, endlose Bucht,
Aufsaugend uns und irdisches Gewimmel.

10.5.16

JOSEPH VON EICHENDORFF: DER VERIRRTE JÄGER




JOSEPH VON EICHENDORFF (1788-1857)


DER VERIRRTE JÄGER

»Ich hab gesehn ein Hirschlein schlank
Im Waldesgrunde stehn,
Nun ist mir draußen weh und bang,
Muß ewig nach ihm gehn.

Frischauf, ihr Waldgesellen mein!
Ins Horn, ins Horn frischauf!
Das lockt so hell, das lockt so fein,
Aurora tut sich auf!«

Das Hirschlein führt den Jägersmann
In grüner Waldesnacht,
Talunter schwindelnd und bergan,
Zu nie gesehner Pracht.

»Wie rauscht schon abendlich der Wald,
Die Brust mir schaurig schwellt!
Die Freunde fern, der Wind so kalt,
So tief und weit die Welt!«

Es lockt so tief, es lockt so fein
Durchs dunkelgrüne Haus,
Der Jäger irrt und irrt allein,
Findt nimmermehr heraus.

8.5.16

WOLFGANG BORCHERT: DER WIND UND DIE ROSE




WOLFGANG BORCHERT


DER WIND UND DIE ROSE

Kleine blasse Rose!
Der Wind, von Luv, der lose,
der dich zerwühlte,
als wär dein Blatt
das Kleid von einer Hafenfrau -
er kam so wild und kam so grau!

Vielleicht auch fühlte
er sich für Sekunden matt
und wollt in deinen dunklen Falten
den Atem sanft verhalten.
Da hat dein Duft ihn so betört,
berauscht,
daß er sich bäumt und bauscht
und dich vor Lust zerstört,
daß er sich noch mit deinem Kusse bläht,
wenn er am bangen Gras vorüberweht.

21.4.16

THEODOR DÄUBLER: DIE SONNENBLUME




THEODOR DÄUBLER


DIE SONNENBLUME

Du Blume, die sich hold zur Sonne wendet,
Ich wollte einstens Deinem Wesen gleichen,
In mir die Sonnenzukehr fromm erreichen,
Doch etwas sagte mir: Du bist verblendet!

Ich habe alle Blüthenkraft verschwendet,
Ich fühlte samend meinen Glanz
erbleichen,
Die Luft
den Duft von meiner Jugend streifen,
Und heute sind die Lust, die Macht verendet.

Doch seh ich Blumen tief aus sich erstrahlen,
An jedem Morgen sich zur Sonne neigen
Und fast mit Hingebung zum Lichte prahlen.

Ich aber mußte rasch herniedersteigen.
Verloren sind ja alle Sehnsuchtsqualm;
Mein Wesen wurde Niemandem zu eigen

10.4.16

FRIEDRICH HÖLDERLIN: HYPERIONS SCHICKSALSLIED




FRIEDRICH HÖLDERLIN


HYPERIONS SCHICKSALSLIED

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, seelige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, athmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seeligen Augen
Bliken in stiller
Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.

8.4.16

RAINER MARIA RILKE: NÄCHTENS WILL ICH MIT DEM ENGEL REDEN




RAINER MARIA RILKE


NÄCHTENS WILL ICH MIT DEM ENGEL REDEN

Nächtens will ich mit dem Engel reden,
ob er meine Augen anerkennt.
Wenn er plötzlich fragte: Schaust du Eden?
Und ich müsste sagen: Eden brennt

Meinen Mund will ich zu ihm erheben,
hart wie einer, welcher nicht begehrt.
Und der Engel spräche: Ahnst du Leben?
Und ich müsste sagen: Leben zehrt

Wenn er jene Freude in mir fände,
die in seinem Geiste ewig wird, -
und er hübe sie in seine Hände,
und ich müsste sagen: Freude irrt.

28.3.16

CLAIRE GOLL: ZEHN JAHRE SCHON



CLAIRE GOLL


ZEHN JAHRE SCHON

Zehn Jahre schon daß du mich liebst
Zehn Jahre zehn Minuten gleich
Und immer seh ich dich zum ersten Mal:

Die Taschen voller Rosen
Künftige Tränen hinter der Brille
Wie Diamanten in Vitrinen
In deiner Brust eine Lerche
Und unter den schüchternen Handschuhn
Die Zärtlichkeiten der Zukunft.

Zehn Jahre schon daß du mich liebst
Daß auf allen Uhren
Die Zeit auf immer stillstand.

27.3.16

THEODOR DÄUBLER: DIE WELT KANN SICH DURCH LIEBE NUR ERHELLEN




THEODOR DÄUBLER


DIE WELT KANN SICH DURCH LIEBE NUR ERHELLEN

Die Welt kann sich durch Liebe nur erhellen,
Da treu ein Stern
des andern Leben hegt,
Ein Weltlichtherz entschnellt nur Schwesterwellen,
Das Lebenslicht, das Liebe trägt und wägt.

So malt die Sonne
bunte Frühlingsranken,
Aus Fels und Schlucht, Entwürfe voll von Kraft;
Ihr Mittag bringt des Lebens Vollgedanken,
Aus denen sie die Thatgeburten schafft.

Gedanken, die durch starre Felsen dringen,
Erschöpfen jedes Sein aus Stein und Licht,
Denn bloß notwendige Sonnideen zwingen
Zur Lebenslogik, der die Form entspricht.

Ein Taggeschöpf muß sich zur Sonne kehren,
Der Mensch zumal, denn wir sind glaubensbang;
Mein Innerlicht, dir hehl ich kein Begehren,
Gieb mir ein Weib, mein, rein und seelenschlank.

In deiner Schönheit, Weib, bringst du die Schäume
Der Seelenfluth dem Schöpferkusse dar,
Aus deiner Schlankheit sprudeln weiße Träume
Und Jugendgold verklärt dich wunderbar.

26.3.16

JOHANNES R. BECHER: DIE NEUE SYNTAX




JOHANNES R. BECHER


DIE NEUE SYNTAX

Die Adjektiv-bengalischen-Schmetterlinge
Sie kreisen tönend um des Substantivs erhabenen Quaderbau.
Ein Brückenpartizip muß schwingen! schwingen!!
Derweil das kühne Verb dich klirrend Aeroplan in Höhen schraubt.

Artikeltanz zückt nett die Pendelbeinchen
In Kicherrythmen schaukelt ein Parkett.
Da aber springt metallisch tönend eine reine
Strophe heraus aus dme Trapez. Die Kett

Derr Straßenlampen ineinander splittern.
Trotz jener buntesten Dame heiligem Vokativ.
Ein junger Dichter sich Subjekte kittet.
Bohrt des Objektes Tunnel . . . Imperativ

Schnellt steil empor. Phantastische Sätzelandschaft überzüngelnd.
Bläst sieben Hydratuben. Das Gewölke fällt.
Und Blaues fließt. Geharnischte Berge dringen.
So blühen auf wir in dem Glanz mailichter Überwelt.

22.3.16

FRIEDRICH VON SCHLEGEL: DAS GEDICHT DER LIEBE




FRIEDRICH VON SCHLEGEL


DAS GEDICHT DER LIEBE

Wie nächtlich ungestüm die Wellen wogen,
Bald schwellend liebevoll zum Sternenkranze,
Bald sinkend zu der Tiefe hingezogen,
Sehnsüchtig flutend in dem Wechseltanze,
Bis Morgenrot empor scheint aus den Wogen,
Noch feucht in blumenlichtem Tränenglanze;
So steigen hier der Dichtkunst hohe Strahlen
Aus tiefer Sehnsucht Meer und Wonnequalen.

10.3.16

PAUL CELAN: BILDNIS EINES SCHATTEN





PAUL CELAN


BILDNIS EINES SCHATTEN

Deine Augen, Lichtspur meiner Schritte;
deine Stirn, gefurcht vom Glanz der Degen;
deine Brauen, Wegrand des Verderbens;
deine Wimpern, Boten langer Briefe;
deine Locken, Raben, Raben, Raben;
deine Wangen, Wappenfeld der Frühe;
deine Lippen, späte Gäste;
deine Schultern, Standbild des Vergessens;
deine Brüste, Freunde meiner Schlangen;
deine Arme, Erlen vor dem Schloßtor;
deine Hände, Tafeln toter Schwüre;
deine Lenden, Brot und Hoffnung;
dein Geschlecht, Gesetz des Waldbrands;
deine Schenkel, Fittiche im Abgrund;
deine Kniee, Masken deiner Hoffart;
deine Füße, Walstatt der Gedanken;
deine Sohlen, Flammengrüfte;
deine Fußspur, Auge unsres Abschieds.