2.1.11

WOLF BIERMANN: NOCH


WOLF BIERMANN


NOCH


1
Ein kleiner Regen hat mich gewaschen
Am Himmel ziehn leere Brauseflaschen
Frabrikschlote wuchern drüben am Hang
Rauchnasen laufen den Windweg lang
Wälder sind das da, das nasse Blau
Das da sind Halden, das große Grau
Rot blühn paar Fahnen da auf dem Bau
Das Land ist still
Der Krieg genießt seinen Frieden
Still. Das Land ist still. Noch.

2
Die Schieferdächer schachteln sich wirr
Geklammert an Essen mit Eisengeschirr
Starrt das Antennengestrüpp nach West
Vom Sonnenball steht noch ein roter Rest
Krähen sind das da, was fällt und schreit
Blüten sind unter die Bäume geschneit
Was da jetzt einbricht, ist Dunkelheit
Das Land ist still
Wie Grabsteine stehen die Häuser
Still. Das Land ist still. Noch.

3
Dann hing ich im D-Zug am Fenster, und
Der Fahrtwind preßte mir Wind in' Mund
Die Augen gesteinigt vom Kohlestaub
Ohren von kreischenden Rädern taub
Hörte ich schwingen im Schienenschlag
Lieder vom Frühling im roten Prag
Und die Gitarre im Kasten lag
Das Land ist still
Die Menschen noch immer wie tot
Still. Das Land ist still. Noch

29.12.10

ERNST WILHELM LOTZ: IN DEINEM ZIMMER




ERNST WILHELM LOTZ (1890-1914)






IN DEINEM ZIMMER




In deinem Zimmer fand ich meine Stätte,


In deinem Zimmer weiß ich, wer ich bin.


Ich liege tagelang in deinem Bette


Und schmiege meinen Körper an dich hin.




Ich fühle Tage wechseln und Kalender


Am Laken, das uns frisch bereitet liegt,


Ich staune manchmal still am Bettgeländer,


Wie himmlisch lachend man die Zeit besiegt.




Bisweilen steigt aus fernen Straßen unten


Ein Ton zu unserm Federwolkenraum,


Den schlingen wir verschlafen in die bunten


Gobelins, gewirkt aus Küssen, Liebe, Traum.

28.12.10

HEINRICH HEINE: DAS HOHELIED


HEINRICH HEINE (1797-1856)


DAS HOHELIED


Des Weibes Leib ist ein Gedicht,
Das Gott der Herr geschrieben
Ins große Stammbuch der Natur,
Als ihn der Geist getrieben.

Ja, günstig war die Stunde ihm,
Der Gott war hochbegeistert;
Er hat den spröden, rebellischen Stoff
Ganz künstlerisch bemeistert.

Fürwahr, der Leib des Weibes ist
Das Hohelied der Lieder;
Gar wunderbare Strophen sind
Die schlanken, weißen Glieder.

O welche göttliche Idee
Ist dieser Hals, der blanke,
Worauf sich wiegt der kleine Kopf,
Der lockige Hauptgedanke!

Der Brüstchen Rosenknospen sind
Epigrammatisch gefeilet;
Unsäglich entzückend ist die Zäsur,
Die streng den Busen teilet.

Den plastischen Schöpfer offenbart
Der Hüften Parallele;
Der Zwischensatz mit dem Feigenblatt
Ist auch eine schöne Stelle.

Das ist kein abstraktes Begriffspoem!
Das Lied hat Fleisch und Rippen,
Hat Hand und Fuß; es lacht und küßt
Mit schöngereimten Lippen.

Hier atmet wahre Poesie!
Anmut in jeder Wendung!
Und auf der Stirne trägt das Lied
Den Stempel der Vollendung.

Lobsingen will ich dir, o Herr,
Und dich im Staub anbeten!
Wir sind nur Stümper gegen dich,
Den himmlischen Poeten.

Versenken will ich mich, o Herr,
In deines Liedes Prächten;
Ich widme seinem Studium
Den Tag mitsamt den Nächten.

Ja, Tag und Nacht studier ich dran,
Will keine Zeit verlieren;
Die Beine werden mir so dünn –
Das kommt vom vielen Studieren.

26.12.10

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE: KURZ UND GUT


JOHANN WOLFGANG VON GOETHE (1749-1832)


KURZ UND GUT


Sollt ich mich denn so ganz an sie gewöhnen?
Das wäre mir zuletzt doch reine Plage.
Darum versuch ichs gleich am heutgen Tage
Und nahe nicht dem vielgewohnten Schönen.

Wie aber mag ich dich, mein Herz, versöhnen,
Daß ich im wichtigen Fall dich nicht befrage?
Wohlan! Komm her! Wir äußern unsre Klage
In liebevollen, traurig heitern Tönen.

Siehst du, es geht! Des Dichters Wink gewärtig,
Melodisch klingt die durchgespielte Leier,
Ein Liebesopfer traulich darzubringen.

Du denkst es kaum, und sieh, das Lied ist fertig!
Allein was nun? – Ich dächt: im ersten Feuer
Wir eilten hin, es vor ihr selbst zu singen.

25.12.10

BERTOLT BRECHT: LIED EINER DEUTSCHEN MUTTER


BERTOLT BRECHT


LIED EINER DEUTSCHEN MUTTER


Mein Sohn, ich hab dir die Stiefel
Und dies braune Hemd geschenkt:
Hätt ich gewußt, was ich heute weiß
Hätt ich lieber mich aufgehängt.

Mein Sohn, als ich deine Hand sah
Erhoben zum Hitlergruß
Wußte ich nicht, daß dem, der ihn grüßet
Die Hand verdorren muß.

Mein Sohn, ich hörte dich reden
Von einem Heldengeschlecht.
Wußte nicht, ahnte nicht, sah nicht:
Du warst ihr Folterknecht.

Mein Sohn, und ich sah dich marschieren
Hinter dem Hitler her
Und wußte nicht, daß, wer mit ihm auszieht
Zurück kehrt er nimmermehr.

Mein Sohn, du sagtest mir, Deutschland
Wird nicht mehr zu kennen sein.
Wußte nicht, es würd werden
Zu Asche und blutigem Stein.

Sah das braune Hemd dich tragen
Habe mich nicht dagegen gestemmt.
Denn ich wußte nicht, was ich heut weiß:

Es war dein Totenhemd.

19.12.10

RAINER MARIA RILKE: ZUM FEST


RAINER MARIA RILKE (1875-1926)


ZUM FEST


Heut sind wir endlich allein, und von Gästen
droht uns ganz sicher heut keine Gefahr.
Schmück dich, mein Kind, zu der Liebe Festen,
rote Rosen stehn dir am besten,
rote Rosen steck dir ins Haar.

Und das Kleid nimm aus Großmutters Tagen,
mit den Ärmeln luftig gepufft.
Einmal kamst du mirs selber sagen:
Großmutter hats bei der Hochzeit getragen. -
Und in den Falten liegt noch der Duft.

6.12.10

BERTOLT BRECHT: GEGEN DIE OBJEKTIVEN


BERTOLT BRECHT


GEGEN DIE OBJEKTIVEN


Wenn die Bekämpfer des Unrechts
Ihre verwundeten Gesichter zeigen
Ist die Ungeduld derer, die in Sicherheit waren
Groß.

Warum beschwert ihr euch, fragen sie
Ihr habt das Unrecht bekämpft! Jetzt
Hat es euch besiegt: schweigt also!

Wer kämpft, sagen sie, muß verlieren können
Wer Streit sucht, begibt sich in Gefahr
Wer mit Gewalt vorgeht
Darf die Gewalt nicht beschuldigen.

Ach, Freunde, die ihr gesichert seid
Warum so feindlich? Sind wir
Eure Feinde, die wir Feinde des Unrechts sind?
Wenn die Kämpfer gegen das Unrecht besiegt sind
Hat das Unrecht doch nicht recht!!

Unsere Niederlagen nämlich
Beweisen nichts, als daß wir zu
Wenige sind
Die gegen die Gemeinheit kämpfen
Und von den Zuschauern erwarten wir
Daß sie wenigstens beschämt sind!

3.12.10

HEINRICH SEIDEL: AN MEINE KÖNIGIN


HEINRICH SEIDEL (1842-1906)


AN MEINE KÖNIGIN


Ich flocht dir eine Krone
Von Lindenlaub in's Haar,
Und du auf grünem Throne
Regiertest wunderbar.

Es war dein lieblich Scepter
Ein lichter Blüthenzweig -
Es kniete dir zu Füßen
Dein Unterthan im Reich.

Wie dien' ich dir so gerne -
Wie milde ist dein Sinn -
Wie lieblich ist dein Herrschen,
Du holde Königin.

20.11.10

FRIEDRICH WILHELM GUBITZ: NUR EINES KANN ICH!


FRIEDRICH WILHELM GUBITZ (1786-1870)


NUR EINES KANN ICH!


Gedenk' ich dein, kann ich nichts And'res thun,
Nun will mein Herz, daß dein ich stets gedenke!
Die Seel' ist thätig, mag die Hand d'rum ruh'n,
Gedank' an dich hat himmlische Geschenke.
Wenn Gott die Liljen, die nicht sae'n, nicht erndten,
Die nichts gelernt, in seiner Huld ernährt,
Wird Denen, die von Sehnsucht leben lernten,
Des Heilands Spruch gewißlich auch bewährt;
D'rum denk' ich dein, und ewig denk' ich dein,
Das And're all mag Gott empfohlen seyn!

19.11.10

HEDWIG KIESEKAMP: ANTWORT


HEDWIG KIESEKAMP (1844-1919)


ANTWORT


Fragst du mich, warum ich liebe?
Trauter Freund, - o glaube mir:
"Meine Liebe kommt vom Himmel,
Und der Himmel kommt von dir!"

Ohne dich - verlass'ne Wüste
Wäre mir das Himmelreich!
Aber dir am Herzen rastend
Fühl' ich mich den Engeln gleich.

Du allein bist sel'ges Ewig
Aller Himmelswonne mir!
Und vom Himmel kommt die Liebe!
Sieh', - die Liebe kommt von dir.

11.11.10

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE: AN LINA




JOHANN WOLFGANG VON GOETHE


AN LINA


Liebchen, kommen diese Lieder
Jemals wieder Dir zur Hand,
Sitze beim Klaviere nieder,
Wo der Freund sonst bei Dir stand.

Lass die Saiten rasch erklingen
Und dann sieh ins Buch hinein;
Nur nicht lesen! Immer singen!
Und ein jedes Blatt ist Dein.

Ach, wie traurig sieht in Lettern,
Schwarz auf weiß, das Lied mich an,
Das aus Deinem Mund vergöttern,
Das ein Herz zerreißen kann!

29.10.10

GEORG HEYM: DIE MESSE


GEORG HEYM (1887-1912)


DIE MESSE


Bei dreier Kerzen mildem Lichte
Die Leiche schläft. Und hohe Mönche gehen
Um sie herum, und legen ihre Finger
Manchmal über ihr Angesicht.
Froh sind die Toten, die zur Ruhe kehren
Und strecken ihre weißen Hände aus,
Den Engeln zu, die groß und schattig gehen
Mit Flügelschlagen durch das hohe Haus.
Nur manchmal schallt ein Weinen durch die Wände,
Ein tiefes Schluchzen wälzt sich in der Lust.
Man kreuzet ihre hageren Finger-Hände
Zum Frieden sanft auf die verhaarte Brust.

18.9.10

HEINRICH HEINE: KUSSE, DIE MAN STIEHLT IM DUNKELN


HEINRICH HEINE


KUSSE, DIE MAN STIEHLT IM DUNKELN


Küsse, die man stiehlt im Dunkeln
Und im Dunkeln wiedergibt,
Solche Küsse, wie besel'gen
Sie die Seele, wenn sie liebt!

Ahnend und erinnrungsüchtig
Denkt die Seele sich dabei
Manches von vergangnen Tagen,
Und von Zukunft mancherlei.

Doch das gar zu viele Denken
Ist bedenklich, wenn man küßt; –
Weine lieber, liebe Seele,
Weil das Weinen leichter ist.

7.9.10

NOVALIS: AN JEANETTE


NOVALIS


AN JEANETTE


Nimm meine Bücher, meine kleinen Reime,
Mein Häuschen hin, und sei zufrieden wie ich bin,
Nimm meinen sanften Schlummer, meine Träume,
So hold sie sind, auch hin.

Und wenn mir ja noch etwas übrig bliebe,
Mein Becher, Kranz und Stab, so mag es deine sein;
Doch willst du mehr, mein Herz und meine Liebe?
Die sind schon lange dein.

31.8.10

LUDWIG UHLAND: DES DICHTERS ABENDGANG



LUDWIG UHLAND (1787-1862)


DES DICHTERS ABENDGANG


Ergehst du dich im Abendlicht
(Das ist die Zeit der Dichterwonne),
So wende stets dein Angesicht
Zum Glanze der gesunknen Sonne!
In hoher Feier schwebt dein Geist,
Du schauest in des Tempels Hallen,
Wo alles heil`ge sich erschleußt
Und himmliche Gebilde wallen.

Wann aber um das Heiligthum
Die dunkeln Wolken niederrollen,
Dann ists vollbracht, du kehrest um,
Beseligst von dem Wundervollen.
In stiller Rührung wirst du gehn,
Du trägst in dir des Liedes Segen;
Das Lichte, das du dort gesehn,
Umglänzt dich mild auf finstern Wegen.

15.8.10

FRIEDRICH MARTIN BODENSTEDT: DAS LEBEN IST EIN DARLEHN, KEINE GABE...


FRIEDRICH MARTIN BODENSTEDT (1819-1892)


DAS LEBEN IST EIN DARLEHN, KEINE GABE...


Das Leben ist ein Darlehn, keine Gabe
Du weißt nicht, wieviel Schritt du gehst zum Grabe,
Drum nütze klug die Zeit: auf jedem Schritt
Nimm das Bewußtsein deiner Pflichten mit.

Gewöhne dich – da stets der Tod dir dräut
Dankbar zu nehmen, was das Leben beut;
Die Wünsche nicht nach Äußerm zu gestalten,
Sondern den Kern im Innern zu entfalten;

Nicht fremder Meinung untertan zu sein,
Die Dinge nicht zu schätzen nach dem Schein;
Nicht zu verlangen, daß sie sollen gehn,
Wie wir es wünschen – sondern sie verstehn,

Daß wir uns bei Erfüllung unsrer Pflichten
(Da sie's nach uns nicht tun) nach ihnen richten.

14.8.10

RAINER MARIA RILKE: AUS EINEM FRÜHLING


RAINER MARIA RILKE (1875-1926)


AUS EINEM FRÜHLING


O alle diese Toten des April,
der Fuhren Schwärze, die sie weiterbringen
durch das erregte übertriebene Licht:
als lehnte sich noch einmal das Gewicht
gegen zuviel Leichtwerden in den Dingen
mürrischer auf... Da aber gehen schon,
die gestern noch die Kinderschürzen hatten,
erstaunt erwachsen zur Konfirmation;
ihr Weiß ist eifrig wie vor Gottes Thron
und mildert sich im ersten Ulmenschatten.

27.6.10

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE: AN LUNA


JOHANN WOLFGANG VON GOETHE


AN LUNA


Schwester von dem ersten Licht,
Bild der Zärtlichkeit in Trauer!
Nebel schwimmt mit Silberschauer
Um dein reizendes Gesicht;
Deines leisen Fußes Lauf
Weckt aus tagverschloßnen Höhlen
Traurig abgeschiedne Seelen,
Mich und nächt'ge Vögel auf.

Forschend übersieht dein Blick
Eine großgemeßne Weite.
Hebe mich an deine Seite!
Gib der Schwärmerei dies Glück!
Und in wollustvoller Ruh'
Säh der weitverschlagne Ritter
Durch das gläserne Gegitter
Seines Mädchens Nächten zu.

Des Beschauens holdes Glück
Mildert solcher Ferne Qualen;
Und ich sammle deine Strahlen,
Und ich schärfe meinen Blick.
Hell und heller wird es schon
Um die unverhüllten Glieder,
Und nun zieht sie mich hernieder,
Wie dich einst Endymion.

12.6.10

WILHELM WAIBLINGER: SONETTENDICHTER


WILHELM WAIBLINGER (1804-1830)


SONETTENDICHTER

1.


Eins wie das andre! Journal und Almanach, Zeitung und tausend
Uebersetzungen macht nun man auf deutschem Parnaß.
Was ist Apoll geworden? Ein Spekulant, und Fabriken
Legt er sich an, und kaum treibt er's Papier noch sich auf.
Stets an der Press'! und die Hand, von der Druckerschwärze beschmutzet,
Wäscht er am Sonntag sich rein im kastalischen Quell.
In Italien aber, da schreibt man Sonette zusammen,
Anakreontica und Hendecasyllaben auch.
Tausende liest man vor in den Akademien am Tiber,
Professoren sind es, Monsignori dazu,
Cavalieri, Grafen, Abbati, Barone, Doktoren,
Alle Stände, doch fehlt einzig der Dichter dabei.

2.

Und sie conjugiren: ich liebe, du liebest, er liebet,
Ich bin, du bist, er ist - nichts als ein schlechter Poet.

8.6.10

GEORG TRAKL: DER TAU DES FRÜHLINGS


GEORG TRAKL (1887-1914)


DER TAU DES FRÜHLINGS


Der Tau des Frühlings, der von dunklen Zweigen
Niederfällt, es kommt die Nacht
Mit Sternenstrahlen, da des Lichtes du vergessen.

Unter dem Dornenbogen lagst du und es grub der Stachel
Sich tief in den kristallenen Leib
Daß feuriger sich die Seele der Nacht vermähle.

Es hat mit Sternen sich die Braut geziert,
Die reine Myrthe
Die sich über des Toten anbetendes Antlitz neigt.

Blühender Schauer voll
Umfängt dich endlich der blaue Mantel der Herrin.