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29.12.17

STEFAN GEORGE: DER HERR DER INSEL




STEFAN GEORGE


DER HERR DER INSEL

Die fischer überliefern dass im süden
Auf einer insel reich an zimmt und öl
Und edlen steinen die dim sande glitzern
Ein vogel war der wenn am boden fussend
Mit seinem schnabel hoher stämme krone
Zerpflücken konnte. Wenn er seine flügel
Gefärbt wie mit dem saft der Tyrer-schnecke
Zu schwerem niedrem flug erhoben: habe
Er einer dunklen wolke gleichgesehn.
Des tages sei er im gehölz verschwunden.
Des abends aber an den strand gekommen.
Im kühlen windeshauch von salz und tang
Die süsse stimme hebend dass delfine
Die freunde des gesanges näher schwammen
In meer voll goldner federn goldner funken.
So habe er seit urbeginn gelebt.
Gescheiterte nur hätten ihn erblickt.
Denn als zum erstenmal die weisen segel
Der menschen sich mit günstigem geleit
Dem eiland zugedreht sei er zum hügel
Die ganza teure stätte zu beschaun gestiegen.
Verbreitet habe er die grossen schwingen
Verscheidend in gedämpften schmerzerslauten.

15.11.17

STEFAN GEORGE: PILGERFAHRTEN




STEFAN GEORGE


PILGERFAHRTEN

Ihr alten bilder schlummert mit den toten.
Euch zu erwecken mangelt mir die macht.
Die wahren auen wurden mir verboten.
Nun kost ich an verderbnisvoller pracht.

Gretoffen von berauschenden gerüchten
Erblick ich in dem blauen wiesental
Die reiher weiss und rosafarben flüchten
Zum nahen see der schläft und glänzt wie sthal.

Da schritt sie wie im ebenmass der klänge.
Ihr hochgestreckter finger hielt und hob
Der bergenden gewänder seidenstränge
Die sie bei nacht aus weidenflocken wob.

O weises spiel durch diese hüllen ahnen!
In meinen sinnen blieben wir ein paar
Bevor sie hinter blumigen lianen
Zum nahen see hinabgeglitten war.

15.9.17

STEFAN GEORGE: DER TEPPICH




STEFAN GEORGE


DER TEPPICH

Hier schlingen menschen mit gewächsen tieren
Sich fremd zum bund umrahmt von seidner franze
Und blaue sicheln weisse sterne zieren
Und queren sie in dem erstarrten tanze.

Und kahle linien ziehn in reich-gestickten
Und teil um teil ist wirr und gegenwendig
Und keiner ahnt das rätsel der verstrickten…

Da eines abends wird das werk lebendig.
Da regen schauernd sich die toten äste
Die wesen eng von strich und kreis umspannet
Und treten klar vor die geknüpften quäste
Die lösung bringend über die ihr sannet!
Sie ist nach willen nicht: ist nicht für jede
Gewohne stunde: ist kein schatz der gilde.
Sie wird den vielen nie und nie durch rede
Sie wird den seltnen selten im gebilde.

15.7.17

STEFAN GEORGE: DER EID




STEFAN GEORGE


DER EID

«Schreitet her und steht um mich im rund
Die ich auserkor zum bund:
Dich aus kerkern flüchtig · leichenfarb,
Dich der an dem weg verdarb,
Den ich vor dem sturz am haare griff ,
Der sich selbst die klinge schliff.
Wilde kräfte vom geschick gehemmt.
Edle saat durchs land verschwemmt».

Wir gebunden durch den stärksten kitt
Als der stahl die arme schnitt.
Einer von des andren blut genoss,
Gleiche flamme in uns schoss…
Unser glück begann mit deiner spur.
«Mächtig ich durch euren schwur».
Wir die durch dein atmen glühn und blühn.
«Ich von eurem marke kühn».

Du nur kennst das ziel das vor uns blizt ·
Trägst es in metall gerizt.
Deinen bräuchen fügen wir uns streng ·
Wir gehärtet im gemeng.
Lenker auf den wegen UNSRER not ·
Nenn dein dunkelstes gebot!
Pfluge über unsre leiber her:
Niemals mahnt und fragt dich wer!

«Durch verhüllte himmel seh ich schon
Die vollendung und den lohn.
Unsre feinde sind zum kampf gereiht.
Meine söhne rufen streit.
Boden hilft den händen die ihm traut ·
Himmel schadet wo ihm graut.
Keine schar zu dicht · kein wall zu steil!
Meine söhne rufen heil».

18.8.11

STEFAN GEORGE: WIR SCHREITEN AUF UND AB IM REICHEN FLITTER


STEFAN GEORGE (1868-1933)


WIR SCHREITEN AUF UND AB IM REICHEN FLITTER


Wir schreiten auf und ab im reichen flitter
Des buchenganges beinah bis zum tore
Und sehen aussen in dem feld vom gitter
Den mandelbaum zum zweitenmal im flore .

Wir suchen nach den schattenfreien bänken
Dort wo uns niemals fremde stimmen scheuchten ·
In träumen unsre arme sich verschränken ·
Wir laben uns am langen milden leuchten

Wir fühlen dankbar wie zu leisem brausen
Von wipfeln strahlenspuren auf uns tropfen
Und blicken nur und horchen wenn in pausen
Die reifen früchte an den boden klopfen.

11.5.10

STEFAN GEORGE: STIMMEN IM STROM


STEFAN GEORGE (1868-1933)


STIMMEN IM STROM

Liebende klagende zagende wesen
Nehmt eure zufluch in unser bereich -
Werdet geniessen und werdet genesen -
Arme und worte umwinden euch weich.

Leiber wie muscheln - korallene lippen
Schwimmen und tönen in schwankem palast -
Haar verschlungen in ästigen klippen
Nahend und wieder vom strudel erfasst.

Bläuliche lampen die halb nur erhellen -
Schwebende säulen auf kreisendem schuh
Geigend erzitternde ziehende wellen
Schaukeln in selig beschauliche ruh.

Müdet euch aber das sinnen das singen -
Fliessender freuden bedächtiger lauf -
Trifft euch ein kuss: und ihr löst euch in ringen
Gleitet als wogen hinab und hinauf.

10.6.09

STEFAN GEORGE: TRAUM UND TOD


STEFAN GEORGE (1868-1933)


TRAUM UND TOD


glanz und ruhm! so erwacht unsre welt
Heldengleich bannen wir berg und belt
Jung und gross schaut der geist ohne vogt
Auf die flur auf die flut die umwogt.

Da am weg bricht ein schein fliegt ein bild
Und der rauscht mit der qual schüttelt wild.
Der gebot weint und sinnt beugt sich gern
'Du mir heil du mir ruhm du mir stern'

Dann der traum höchster stolz steigt empor
Er bezwingt kühn den Gott der ihn kor...
Bis ein ruf weit hinab uns verstösst
Uns so klein vor dem tod so entblösst!

All dies stürmt reisst und schlägt blitzt und brennt
Eh für uns spät am nacht-firmament
Sich vereint schimmerdn still licht-kleinod:
Glanz und ruhm rausch und qual traum und tod.

1.4.08

STEFAN GEORGE: BLUMEN


STEFAN GEORGE


BLUMEN


In märzentagen streuten wir die samen
Wann unser herz noch einmal heftig litt
An wehen die vom toten jahre kamen
Am letzten kampf den eis und sonne stritt.
An schlanken Stäbchen wollten wir sie ziehen
Wir suchten ihnen reinen wasserquell ·
Wir wussten dass sie unterm licht gediehen
Und unter blicken liebevoll und hell.
Mit frohem fleisse wurden sie begossen ·
Wir schauten zu den wolken forschend bang
Zusammen auf und harrten unverdrossen
Ob sich ein blatt entrollt ein trieb entsprang.
Wir haben in dem garten sie gepflückt
Und an den nachbarlichen weingeländen ·
Wir wandelten vom glanz der nacht entzückt
Und trugen sie in unsren kinderhänden.