23.10.17

GÜNTER KUNERT: TIEFSEEMUSCHEL




GÜNTER KUNERT


TIEFSEEMUSCHEL

Bewundernd musterst du, was Leben
aus Kalk und ohne Vorbild schafft.
Was steckt dahinter? Welches Streben?
Das ist die Hülle: Wo die Kraft?

Bleibt: Solch Stück ans Ohr zu halten.
Man hört nur Rauschen. Doch du bist bereit
beim Lauschen eine Ahnung zu entfalten:
So und nicht anders klänge Ewigkeit.

27.9.17

THOMAS BRASCH: DER SCHÖNE 27. SEPTEMBER




THOMAS BRASCH


DER SCHÖNE 27. SEPTEMBER

Ich habe keine Zeitung gelesen.
Ich habe keiner Frau nachgesehn.
Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet.
Ich habe keinem einen Guten Tag gewünscht.
Ich habe nicht in den Spiegel gesehn.
Ich habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen und
mit keinem über neue Zeiten.
Ich habe nicht über mich nachgedacht.
Ich habe keine Zeile geschrieben.
Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht.

23.9.17

GÜNTER KUNERT: DAS WUNDER




GÜNTER KUNERT


DAS WUNDER

Eine Stimme spricht
zu mir und sagt nichts.
Beiläufige Berührungen. Zu diesem Zweck
quälte sich die Amöbe aus dem Schlamm.
Das Kambrium verging wie das Tertiär,
wie das Pleistozän, wie die letzte
Woche. Täglich gehen Äonen unmerklich
verloren. Von unseren Erdentagen die Spur
Skelette in wechselnder Kombination.
Tyrannosaurus rex kannte
den aufrechten Gang lange
von Ernst Bloch. Manche glauben
an das Wunder
eines Augen Blickes. An die Auferstehung
durch Handauflegen. An die Macht
von Lauten durch Stimmbandvibration.
An alles Vielversprechende
Beiläufige Nichtssagende.

20.9.17

HILDE DOMIN: LINKE KOPFHÄLFTE




HILDE DOMIN


LINKE KOPFHÄLFTE

In dieser kleinen Halbkugel

auf der mein Haar grau wird
wohnen die Wörter
dies Wörtenest

Meine Hand

nimmt das Nest in die Hand

Die rechte sagt man

ist leer von Worten

Auslauf für das unbenutzte

Vokabular
der Erinnerung

HILDE DOMIN: DER GROSSE LUFTZUG





HILDE DOMIN


DER GROSSE LUFTZUG

Das Wort neben mir

der Saum des Worts
ganz dicht

tief atmen

die Haut
zwischen dem Wort und mir
durchatmen

der große Luftzug

in dem die Worte fliegen