3.1.18

PETER HUCHEL: BEGEGNUNG




PETER HUCHEL


BEGEGNUNG

     Für Michael Hamburger

Schleiereule,
Tochter des Schnees,
dem Nachtwind unterworfen,

doch Wurzeln fassend
mit den Krallen
im modrig grindigen Gemäuer,

Schnabelgesicht
mit runden Augen,
herzstarre Maske
aus Federn weißen Feuers,
das weder Zeit noch Raum berührt,

kalt weht die Nacht
ans alte Gehöft,
im Vorhof fahles Gelichter,
Schlitten, Gepäck, verschneite Laternen,

in den Töpfen Tod,
in den Krügen Gift,
das Testament an den Balken genagelt.

Das Verborgene unter
den Klauen der Felsen,
die Öffnung in die Nacht,
die Todesangst
wie stechendes Salz ins Fleisch gelegt.

Laßt uns niederfahren
in der Sprache der Engel
zu den zerbrochenen Ziegeln Babels.

ERNST STADLER: KLEINE STADT




ERNST STADLER


KLEINE STADT

Die vielen kleinen Gassen, die die langgestreckte
  Hauptstraße überqueren
Laufen alle ins Grüne. Überall fängt Land an.
Überall strömt Himmel ein und Geruch von Bäumen
  und der starke Duft der Äcker.
Überall erlischt die Stadt in einer feuchten Herrlichkeit
  von Wiesen,
Und durch den grauen Ausschnitt niedrer Dächer schwankt
Gebirge, über das die Reben klettern, die mit hellen Stützen
  in die Sonne leuchten.
Darüber aber schließt sich Kiefernwald: der stößt
Wie eine breite dunkle Mauer an die rote Fröhlichkeit
  der Sandsteinkirche.

Am Abend, wenn die Fabriken schließen, ist die große Straße
  mit Menschen gefüllt.
Sie gehen langsam oder bleiben mitten auf der Gasse stehn.
Sie sind geschwärzt von Arbeit und Maschinenruß. Aber
  ihre Augen tragen
Noch Schofle, zähe Kraft des Bodens und das feierliche
  Licht der Felder.

2.1.18

ROSE AUSLÄNDER: EINSAMKEIT




ROSE AUSLÄNDER


EINSAMKEIT

Wahrgeworden
die Weissagung der Zigeunerin
Dein Land wird
dich verlassen
du wirst verlieren
Menschen und Schlaf
wirst reden
mit geschlossenen Lippen
zu fremden Lippen
Lieben wird dich
die Einsamkeit
wird dich umarmen

RAINER MARIA RILKE: DAME VOR DEM SPIEGEL




RAINER MARIA RILKE


DAME VOR DEM SPIEGEL

Wie in einem Schlaftrunk Spezerein
löst sie leise in dem flüssigklaren
Spiegel ihr ermüdetes Gebaren;
und sie tut ihr Lächeln ganz hinein.

Und sie wartet, dass die Flüssigkeit
davon steigt; dann gießt sie ihre Haare
in den Spiegel und, die wunderbare
Schulter hebend aus dem Abendkleid,

trinkt sie still aus ihrem Bild. Sie trinkt,
was ein Liebender im Taumel tränke,
prüfend, voller Misstraun; und sie winkt
erst der Zofe, wenn sie auf dem Grunde

ihres Spiegels Lichter findet, Schränke
und das Trübe einer späten Stunde.

1.1.18

ERICH FRIED: WIE DU SOLLTEST GEKÜSSET SEIN




ERICH FRIED


WIE DU SOLLTEST GEKÜSSET SEIN

Wenn ich dich küsse
ist es nicht nur dein Mund
nicht nur dein Nabel
nicht nur dein Schoss
den ich küsse
Ich küsse auch deine Fragen
und deine Wünsche
ich küsse dein Nachdenken
deine Zweifel
und deinen Mut

deine Liebe zu mir
und deine Freiheit von mir
deinen Fuss
der hergekommen ist
und der wieder fortgeht
ich küsse dich
wie du bist
und wie du sein wirst
morgen und später
und wenn meine Zeit vorbei ist