7.6.15

GOTTFRIED BENN: VERSE




GOTTFRIED BENN


VERSE

Wenn je die Gottheit, tief und unerkenntlich,
in einem Wesen auferstand und sprach,
so sind es Verse, da unendlich
in ihnen sich die Qual der Herzen brach;
die Herzen treiben längst im Strom der Weite,
die Strophe aber streift von Mund zu Mund,
sie übersteht die Völkerstreite
und überdauert Macht und Mörderbund.

Auch Lieder, die ein kleiner Stamm gesungen,
Indianer, Yakis mit Aztekenwort,
längst von der Gier des weißen Manns bezwungen,
leben als stille Ackerstrophen fort:
“komm, Kindlein, komm im Schmuck der Siebenähren,
komm, Kindlein, komm in Kett’ und Yadestein,
der Maisgott stellt ins Feld, uns zu ernähren,
den Rasselstab und du sollst Opfer sein -”

Das große Murmeln dem, der seine Fahrten
versenkt und angejocht dem Geiste lieh,
Einhauche, Aushauch, Weghauch – Atemarten
indischer Büssungen und Fakirie -,
das große Selbst, der Alltraum, einem Jeden
ins Herz gegeben, der sich schweigend weiht,
hält sich in Psalmen und in Veden
und spottet alles Tuns und trotz der Zeit.

Zwei Welten stehn im Spiel und Widerstreben,
allein der Mensch ist nieder, wenn er schwankt,
er kann vom Augenblick nicht leben,
obschon er sich dem Augenblicke dankt;
die Macht vergeht im Abschaum ihrer Tücken,
indes ein Vers der Völker Träume baut,
die sie der Niedrigkeit entrücken,
Unsterblichkeit im Worte und im Laut.

2.6.15

INGEBORG BACHMANN: IHR WORTE




INGEBORG BACHMANN


IHR WORTE

   Für Nelly Sachs, die Freundin, die Dichterin, in Verehrung

Ihr Worte, auf, mir nach!,
und sind wir auch schon weiter,
zu weit gegangen, geht’s noch einmal
weiter, zu keinem Ende geht’s.

Es hellt nicht auf.

Das Wort
wird doch nur
andre Worte nach sich ziehn,
Satz den Satz.
So möchte Welt,
endgültig,
sich aufdrängen,
schon gesagt sein.
Sagt sie nicht.

Worte, mir nach,
daß nicht endgültig wird
–nicht diese Wortbegier
und Spruch auf Widerspruch!

Laßt eine Weile jetzt
keins der Gefühle sprechen,
den Muskel Herz
sich anders üben.

Laßt, sag ich, laßt.

Ins höchste Ohr nicht,
nichts, sag ich, geflüstert,
zum Tod fall dir nichts ein,
laß, und mir nach, nicht mild
noch bitterlich,
nicht trostreich,
ohne Trost
bezeichnend nicht,
so auch nicht zeichenlos–

Und nur nicht dies: ein Bild
im Staubgespinst, leeres Geroll
von Silben, Sterbenswörter.

Kein Sterbenswort,
Ihr Worte!

1.6.15

CLAIRE GOLL: LIEBE




CLAIRE GOLL


LIEBE

Ich liebe die Stille zwischen uns
Dieselbe Stille wie zwischen Blumen.
Das leise Schweigen am Morgen,
Das lautere des Abends
Und das zitternde zu Mitternacht
Das um den Andern fürchtet.

Ich mag nicht, dass Menschen kommen
Und uns unsere Stille stehlen,
Die gross ist wie die Stille der Kathedralen.
Ach, wie sie es zerbrechen
Unser blaues Schweigen aus venetianischem Glas.
Ich könnte weinen, wenn Fremde kommen.
Nur die Vögel draussen verstehen uns
Und singen unsre Stille
Und machen uns noch stummer vor der Ewigkeit.
Stille, süsser Vorschuss auf den Tod,
Sag dem Geliebten wie ich ihn liebe.

31.5.15

PAUL CELAN: WOHIN MIR DAS WORT, DAS UNSTERBLICH WAR, FIEL…




PAUL CELAN


WOHIN MIR DAS WORT, DAS UNSTERBLICH WAR, FIEL…

Wohin mir das Wort, das unsterblich war, fiel:
in die Himmelschlucht hinter der Stirn,
dahin geht, geleitet von Speichel und Müll,
der Siebenstern, der mit mir lebt.

Im Nachthaus die Reime, der Atem im Kot,
das Auge ein Bilderknecht –
Und dennoch: ein aufrechtes Schweigen, ein Stein,
der die Teufelsstiege umgeht.

18.5.15

YVAN GOLL: SCHLAF OHNE FURCHT




YVAN GOLL


SCHLAF OHNE FURCHT

Schlaf ohne Furcht:
Ich führe deine Träumeweiden
auf der mondenen Wiese,
die mit Apfelbäumen bestickt ist.
Lass grasen dort die Hoffnungszicklein
am Sternbusch überm Abgrund,
der ins Leben hin abstürzt,
wo Räuber und Wölfe lauern
...Ahoi! Ein Ruf von mir:
Und unsere Liebe findet
zur sicheren Lichtung zurück,
mondumrauscht
hinter dem Dickicht des Schicksals.

9.5.15

ERNST JANDL: 1944 1945




ERNST JANDL


1944              1945

krieg               krieg
krieg               krieg
krieg               krieg
krieg               krieg
krieg               mai
krieg
krieg
krieg
krieg
krieg
krieg
krieg.

19.4.15

CLAIRE GOLL: DASS VÖGEL SIND!




CLAIRE GOLL


DASS VÖGEL SIND!

Dass Vögel sind!
Füsschen im Schnee!
Federn um Gesang
Kleiner Ball voll Gefühl.
Von Sehnsucht geschleudert
Aus einer Welt in die andre,
Von einem Klima zum andern.
Dass Vögel sind! Ziehende Vögel,
Rührend klein vor dem grossen Raum,
zarter Flug um Gott.
Wie möchte man knien
weil Vögel sind!

18.4.15

YVAN GOLL: MEINE WIESE DU




YVAN GOLL


MEINE WIESE DU

Meine Wiese du
Mit Aprikosenlippen!
Im stillen Wasser deiner Augen
Wippen zwei Bachstelzen,
Und ich bade
Meine müde Seele drin.

Vergissmeinnicht blühn
In deinen Grübchen,
Sie gleichen dir alle wie kleine Nichten.

Der Wind spielt Harfe im deinem Haar.
Und wie ein fernes Angelus
Tönt mir dein Herz.

15.4.15

RAINER MARIA RILKE: ÜBUNG AM KLAVIER




RAINER MARIA RILKE


ÜBUNG AM KLAVIER

Der Sommer summt. Der Nachmittag macht müde;
sie atmete verwirrt ihr frisches Kleid
und legte in die triftige Etüde
die Ungeduld nach einer Wirklichkeit,

die kommen konnte: morgen, heute abend -,
die vielleicht da war, die man nur verbarg;
und vor den Fenstern, hoch und alles habend,
empfand sie plötzlich den verwöhnten Park.

Da brach sie ab; schaute hinaus, verschränkte
die Hände; wünschte sich ein langes Buch -
und schob auf einmal den Jasmingeruch
erzürnt zurück.
Sie fand, dass er sie kränkte.


14.4.15

JOHANNES R. BECHER: RÜCKZUG




JOHANNES R. BECHER (1891-1958)


RÜCKZUG


Was soll dies unter klatschendem Regen Tönen,
Der ich voll Trauer bin und klage um Verlust?
Was soll der halbverfallenen Gebäude Stöhnen
Bei rasselnder Stürme Sägen und Gehust?

Ich will mich mit dem Alltag jetzt versöhnen,
Wild schuften in der Berge glühendem Bruch,
Gern unter Hämmerdonner und der Karren Dröhnen
Gedrückter Untertan sein harten Fluchs.

Dämonen sich im Traume um mich scharen,
Zerwirkt bin ich vom Sturm und aufgebraucht,
Doch werd ich manchmal mit den Zügen fahren,

Die gegen Abend gehn, bei steilem Rauch
Mit hohem Pfiff nach schönen Ländern wimmern,
Wo über menschlichem Gestrüpp noch Sterne flimmern.