25.2.15
24.2.15
HERMANN HESSE: ABENDS
HERMANN HESSE
ABENDS
Abends gehn die Liebespaare langsam durch das Feld.
Frauen lösen ihre Haare, Händler zählen Geld,
Bürger lesen bang das Neuste in dem Abendblatt,
Kinder ballen kleine Fäuste, schlafen tief und satt.
Jeder tut das einzig Wahre, folgt erhabner Pflicht,
Säugling, Bürger, Liebespaare - und ich selber nicht?
Doch! Auch meiner Abendtaten, deren Sklav ich bin,
kann der Weltgeist nicht entraten, sie auch haben Sinn.
Und so geh ich auf und nieder, tanze innerlich,
summe dumme Gassenlieder, lobe Gott und mich,
trinke Wein und phantasiere, dass ich Pascha wär,
fühle Sorgen an der Niere, lächle, trinke mehr,
sage ja zu meinem Herzen (morgens geht es nicht),
spinne aus vergangnen Schmerzen spielend ein Gedicht,
sehe Mond und Sterne kreisen, ahne ihren Sinn,
fühle mich mit ihnen reisen, einerlei wohin.
23.2.15
12.2.15
JOHANNES R. BECHER: AUSWAHL
JOHANNES R.
BECHER (1891-1958)
AUSWAHL
Die wenig
gelungenen Stellen
aus meinen kaum gelungenen Gedichten
wird man auswählen,
um zu beweisen,
ich wäre euresgleichen.
Aber dem ist nicht so:
Denn ich bin
meinesgleichen.
So werde ich auch im Tode
mich zu wehren haben,
und über meinen Tod hinaus
- wie lange wohl? -
erklären müssen,
dass ich meinesgleichen war
und dadurch euresgleichen,
aber nicht euresgleichen
in eurem Sinne.
Indem ich mir glich,
glich ich euch.
Aber nur so.
aus meinen kaum gelungenen Gedichten
wird man auswählen,
um zu beweisen,
ich wäre euresgleichen.
Aber dem ist nicht so:
Denn ich bin
meinesgleichen.
So werde ich auch im Tode
mich zu wehren haben,
und über meinen Tod hinaus
- wie lange wohl? -
erklären müssen,
dass ich meinesgleichen war
und dadurch euresgleichen,
aber nicht euresgleichen
in eurem Sinne.
Indem ich mir glich,
glich ich euch.
Aber nur so.
Ετικέτες
AUSWAHL,
BECHER (JOHANNES R.)
9.2.15
7.2.15
ALFRED KOLLERITSCH
ALFRED KOLLERITSCH
UNBESCHREIBBARER ALS DER
MITTELPUNKT DER ERDE
Unbeschreibarer als der
Mittelpunkt der Erde
ist, daß du nichts sagst.
Wenn du an mir vorbeischaust,
teilt sich der Raum,
zwei Schnittflächen
klammern dich zu.
Wenn du an mir vorbeischaust,
teilt sich der Raum,
zwei Schnittflächen
klammern dich zu.
Das Eis auf dem Tisch vor
uns
ist rauh,
die Gläser und Teller
zerspringen darin.
ist rauh,
die Gläser und Teller
zerspringen darin.
Was ich an den Tag brachte,
das Licht unter den Augenlidern,
nagst du aus mir,
aber deine Hand fängt es nicht auf.
das Licht unter den Augenlidern,
nagst du aus mir,
aber deine Hand fängt es nicht auf.
Morgen, sage ich dann,
morgen
wird es vielleicht anders sein,
das Eis eine Wolke,
die Gläser und Teller ein Lied.
Der Raum wird
wird es vielleicht anders sein,
das Eis eine Wolke,
die Gläser und Teller ein Lied.
Der Raum wird
dich aufschürfen,
und ein Schwarm von Sätzen
wird krächzen vor Glück.
und ein Schwarm von Sätzen
wird krächzen vor Glück.
Das sagte ich dir,
als könnte ich es dir
niemals sagen.
als könnte ich es dir
niemals sagen.
6.2.15
RAINER MARIA RILKE: LIEBESANFANG
RAINER MARIA RILKE
LIEBESANFANG
O Lächeln, erstes Lächeln, unser Lächeln.
Wie war das Eines: Duft der Linden atmen,
Parkstille hören - , plötzlich in einander
aufschaun und staunen bis heran ans Lächeln.
In diesem Lächeln war Erinnerung
an einen Hasen, der da eben drüben
im Rasen spielte; dieses war die Kindheit
des Lächelns. Ernster schon war ihm des Schwanes
Bewegung eingegeben, den wir später
den Weiher teilen sahen in zwei Hälften
lautlosen Abends. - Und der Wipfel Ränder
gegen den reinen, freien, ganz schon künftig
nächtigen Himmel hatten diesem Lächeln
Ränder gezogen gegen die entzückte
Zukunft im Antlitz.
Wie war das Eines: Duft der Linden atmen,
Parkstille hören - , plötzlich in einander
aufschaun und staunen bis heran ans Lächeln.
In diesem Lächeln war Erinnerung
an einen Hasen, der da eben drüben
im Rasen spielte; dieses war die Kindheit
des Lächelns. Ernster schon war ihm des Schwanes
Bewegung eingegeben, den wir später
den Weiher teilen sahen in zwei Hälften
lautlosen Abends. - Und der Wipfel Ränder
gegen den reinen, freien, ganz schon künftig
nächtigen Himmel hatten diesem Lächeln
Ränder gezogen gegen die entzückte
Zukunft im Antlitz.
Ετικέτες
LIEBESANFANG,
RILKE (RAINER MARIA)
4.2.15
DURS GRÜNBEIN: KIOSK AM MEER
DURS GRÜNBEIN
KIOSK AM MEER
Freiheit - und weiter ging
der Verkehr. Die Idee
Hat sich ausgedehnt unterwegs. Am Ende der Mole
Stand ein Topf aus Beton, keiner wüßte wofür.
Der Kiosk am Meer, das war sie. Im Fenster hingen
Blaustichige Ansichtskarten verblichener Sommer.
Wie sind wir hierher gekommen? Der Brandung wegen?
Wer ist noch derselbe nach Jahren der Egomanie?
Über den Wolken schlafen die Mauersegler,
So geht die Legende. Aber wie geht sie weiter?
Verzeihung, wir kannten uns kaum. Und Zeit war
Kein Eigentum, das der Einzelne schützte wie die Natur.
Ist der Sand enttäuscht, wenn die Dämmerung fällt?
Wir sprechen, blinzeln solang wir am Feuer sitzen.
Wenn du sie siehst, grüß sie von mir. Sag Guten Tag.
Hat sich ausgedehnt unterwegs. Am Ende der Mole
Stand ein Topf aus Beton, keiner wüßte wofür.
Der Kiosk am Meer, das war sie. Im Fenster hingen
Blaustichige Ansichtskarten verblichener Sommer.
Wie sind wir hierher gekommen? Der Brandung wegen?
Wer ist noch derselbe nach Jahren der Egomanie?
Über den Wolken schlafen die Mauersegler,
So geht die Legende. Aber wie geht sie weiter?
Verzeihung, wir kannten uns kaum. Und Zeit war
Kein Eigentum, das der Einzelne schützte wie die Natur.
Ist der Sand enttäuscht, wenn die Dämmerung fällt?
Wir sprechen, blinzeln solang wir am Feuer sitzen.
Wenn du sie siehst, grüß sie von mir. Sag Guten Tag.
Ετικέτες
GRÜNBEIN (DURS),
KIOSK AM MEER
3.2.15
ERICH FRIED: ZU GUTER LETZT
ERICH FRIED
ZU GUTER LETZT
Als Kind wußte ich:
Jeder Schmetterling
den ich rette
Jede Schnecke
und jede Spinne
und jede Mücke
jeder Ohrwurm
und jeder Regenwurm
wird kommen und weinen
wenn ich begraben werde
Einmal von mir gerettet
muß keines mehr sterben
Alle werden sie kommen
zu meinem Begräbnis
Als ich dann groß wurde
erkannte ich:
Das ist Unsinn
Keines wird kommen
ich überlebe sie alle
Jetzt im Alter
frage ich: Wenn ich sie aber
rette bis ganz zuletzt
kommen doch vielleicht zwei oder drei?
Jeder Schmetterling
den ich rette
Jede Schnecke
und jede Spinne
und jede Mücke
jeder Ohrwurm
und jeder Regenwurm
wird kommen und weinen
wenn ich begraben werde
Einmal von mir gerettet
muß keines mehr sterben
Alle werden sie kommen
zu meinem Begräbnis
Als ich dann groß wurde
erkannte ich:
Das ist Unsinn
Keines wird kommen
ich überlebe sie alle
Jetzt im Alter
frage ich: Wenn ich sie aber
rette bis ganz zuletzt
kommen doch vielleicht zwei oder drei?
Ετικέτες
FRIED (ERICH),
ZU GUTER LETZT
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